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Widerstand und Verfolgung in Salzburg

1934 – 1945

Eine Dokumentation - Band 2

Herausgeger: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes-1991

zur internen Verwendung KZ-Verband/VdA Salzburg - 2019 

Bearbeitet wurden bisher nur Seiten aus der Dokumentation Band 2, welche einen direkten Bezug zu Diskussionen oder Mahnmalen in Salzburg haben.

Seiten:

11 - 13 / 61 / 67 - 79 / 80 - 85323 - 325 / 263 - 265 / 334 - 336 / 350 - 354

VII. DAS KATHOLISCH-KONSERVATIVE LAGER

Herbert Dachs

Im folgenden Abschnitt sollen Widerstand und Verfolgung christlich-konservativer und bürgerlicher Bevölkerungs-kreise im Bundesland Salzburg beschrieben und dokumentiert werden. Die katholische Kirche und der bäuerliche Widerstand werden aus editorischen Gründen in diesem Band gesondert behandelt, obwohl der Hinweis, daß es im Zusammenhang mit Widerstand und Verfolgung schwer oder gar unmöglich sei, die christlichen, konservativen und legitimistischen Gruppen und Positionen in diesem Bereich zu trennen*, auch für Salzburg volle Gültigkeit hat.

Zu unbedeutend waren in der damaligen Notsituation die Unterschiede und zu vielfältig und stark teilweise die Querverbindungen und letztgültigen Motivationen.

Noch eine zweite Vorbemerkung ist hervorzustreichen: Nachdrücklich müssen wir betonen, daß es sich hier um keine umfassende und lückenlose Darstellung der einschlägigen Widerstands- und Verfolgungsmaßnahmen handeln kann. Da es noch keinerlei umfassende wissenschaftliche Untersuchungen über den katholisch-konservativen Widerstand im Bundesland Salzburg gibt, fehlt uns ein gesicherter quantitativer Gesamtüberblick über Ausmaß und Anzahl der stattgefundenen Aktivitäten*. Wir wissen nicht genau, wie das Verhältnis von Geschehenem und von uns Dokumentierbarem tatsächlich ist. Die folgenden Dokumente und Zeugnisse müssen daher stellvertretend und illustrierend für die Vielfalt des damaligen Widerstands und der Verfolgungs-maßnahmen genommen werden, quasi pars pro toto, wobei wir eben - wie schon gesagt - das „toto“ zwar bezüglich der Qualität kennen, nicht aber hinsichtlich der Quantität.

Ähnlich wie in anderen Bundesländern kam es auch in Salzburg unmittelbar, d. h. bereits Stunden nach dem „Anschluß“, zu einer großen Verhaftungswelle, die sich teils gezielt und planmäßig auf Vertreter des „Ständestaats“ in politischen und administrativen Spitzenpositionen konzentrierte, teils von reiner Willkür und persönlichen Ambitionen bisher „Illegaler“ bestimmt war. „Überall im Land begannen private Racheakte; vor allem Männer der "Systemzeit" waren betroffen. Wahllos inhaftierte man Heimwehrführer, Funktionäre der VF, Gendarmerie- und Kriminalbeamte.*“

Die Verfolgungsmaßnahmen reichten von einfacher Inhaftierung bis knapp über den 10. April 1938 (Tag der Volksabstimmung) hinaus oder Zwangspensionierung bis hin zur Einlieferung in Konzentrationslager.

 

Während sich die Härte und das Ausmaß der Sanktionen gegen Beamte einigermaßen in Grenzen hielt,* ging man gegen Angehörige der Gendarmerie und Polizei von Anfang an wesentlich direkter und brutaler vor. Illlustriert sei dies anhand folgender Beispiele:

Dr. Rudolf Dworzak, Bezirkshauptmann, wurde am 11. März 1938 verhaftet und war bis Juni 1940 im KZ Dachau inhaftiert.*

Der Regierungskommissär Dr. Franz Gasteiger wurde am 13. März 1938 festgenommen und blieb bis zum 13. März 1939 im KZ Dachau interniert.*

Die Verhaftung des Franz Schneeweiss, dienstzugeteilt bei der Bezirkshauptmannschaft Zell am See, erfolgte schon am 11. März 1938 um 11 Uhr nachts. Erst am 20. April 1942 kam er aus dem KZ Buchenwald zurück.*

Band 2 - Seite 11

Besonders übel spielte man dem Oberförster von Wagrain, Linus Hochleitner, mit. Er wurde verhaftet, mißhandelt und verhöhnt, von NSDAP-Anhängern durch den Ort getrieben und gezwungen, das zerstörte Dollfußkreuz samt Gedenktafel wegzuschleppen.* Derartige „Siegesfeiern“ gab es in mehreren Salzburger Gemeinden.

Hofrat Viktor Ingomar, Polizeidirektor in Salzburg, war vom 18. März 1938 bis 6. Jänner 1939 im KZ Dachau, später noch einmal einen Monat als Häftling im Gefängnis Stadelheim. Er starb an den Folgen der KZ-Haft am 4. Februar 1944 in München.*

Der Sicherheitsdirektor Ludwig Bechinie wurde am 12. März 1938 verhaftet, durchlief mehrere Konzentrationslager und starb schließlich im Mai 1941 im KZ Buchenwald.*

Die Verhaftung des Gendarmerierevierinspektors Benno Beer erfolgte in der Nacht vom 11. auf 12. März 1938 in Großarl. Am 13. März wurde er von SA-Leuten in Zell am See schwer mißhandelt, nach einem dreiwöchigen Spitalsaufenthalt in das KZ Dachau eingeliefert und schließlich am 13. März 1939 entlassen.*

Der Gendarmeriepostenkommandant von Saalfelden, Matthias Knee, war ebenfalls mehrere Tage verhaftet, später wurde er delogiert und mit zwei Drittel der Bezüge pensioniert.*

Polizeirat Franz Mayer, Vorstand der Staatspolizei in Salzburg, war bis 13. März 1939 im KZ Dachau. Gleichzeitig entließ man ihn aus dem Staatsdienst.*

Nach eineinhalbjähriger Haft in verschiedenen Konzentrationslagern verstarb der Postenkommandant von Badgastein, Stefan Schlager.* Ähnliches ist über den Kriminal-Rayonsinspektor Wilhelm Ackermann zu berichten. Er verstarb am 6. Mai 1940 im KZ Buchenwald.*

Eine nach dem Krieg vom Landesgendarmeriekommando für Salzburg erstellte Liste über Maßregelungen ab dem 12. März 1938 zeigt, wie vielfältig über die genannten Beispiele hinaus die Eingriffe in diesem Bereich der Exekutive waren.*

Nach der ersten Verhaftungs- und Säuberungswelle beriefen sich dann die weiteren Gleichschaltungsbemühungen vor allem auf die Verordnung zur Neuordnung des österreichischen Berufsbeamtentums vom 31. Mai 1938. Die Bandbreite der darauf basierenden Entscheidungen,die übrigens alle mit dem Zusatz versehen waren, daß es dagegen keine Rechtsmittel für die Betroffenen gäbe, reichte von fristloser Entlassung ohne alle Bezüge!* bis zur Versetzung in den Ruhestand mit mehr oder weniger stark gekürzter Pension.* Betroffen von dieser „Neuordnung“ waren insbesondere Landes- und Bundesbeamte, Angehörige von Gendarmerie und Polizei sowie Lehrer.

Scharf „abgerechnet“ wurde von den neuen Machthabern auch mit allenjenen, die sich bei der Niederwerfung des NS-Putsches im Juli 1934 mehr oder weniger deutlich exponiert hatten. Auch dafür seien zur Illustration einige Beispiele hervorgehoben: Zu nennen sind hier die beiden Bundesheeroffiziere Josef Stochmal (Generalmajor) und Franz Rosenkranz (Hauptmann).

Stochmal klagte man wegen Anstiftung zum Verbrechen des Mordes an, weil er angeblich den zur Niederwerfung des Putsches in Lamprechtshausen entsandten Bundesheersoldaten den Befehl gegeben haben soll, „keine Gefangenen zu machen“. Der Prozeß ging zwischen Herbst 1938 und 1942 durch mehrere Instanzen und endete mit einer Zuchthausstrafe von acht Jahren. Stochmal wurde dann der Gestapo

Band 2 - Seite 12

übergeben und kam in das KZ Auschwitz, wo er kurze Zeit später erschossen wurde.*

Ähnlich erging es Hauptmann Rosenkranz. Angeklagt wegen desselben Delikts wie Stochmal, wurde er zunächst zu sechs Jahren schwerem Kerker verurteilt, dann freigesprochen, aber anschließend auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers in das KZ Sachsenhausen-Oranienburg verschickt, wo man ihn schließlich am 19. April 1945 ohne weiteres Verfahren erschoß.*

Der frühere Kommandant einer Schutzkorpskompanie, Maximilian Wimberger, ebenfalls bei der Bekämpfung des NS-Putsches von 1934 aktiv gewesen, kehrte erst Anfang März 1939 aus dem KZ Dachau zurück.*

Nicht mehr zurück kam Dr. Johann Langer, Oberlandesgerichtsrat, Senatsvorsitzender des Landesgerichtes Salzburg und Leiter der Gerichtsverhandlungen gegen die am Juliputsch beteiligten Nationalsozialisten. Er verstarb schon im Oktober 1938 im KZ Dachau.*

Zu Anklagen kam es auch wegen der Delikte Wehrkraftzersetzung, Heimtücke, Rundfunkvergehen u. ä. Norbert Voglreiter aus Mittersill etwa schrieb Ende 1944 einen Brief nach Salzburg mit „defaitistischen“ Äußerungen und wurde deshalb noch am 20. März 1945 angeklagt.*

Im Zusammenhang mit organisiertem Widerstand können wir für Salzburg in dem von uns behandelten Bereich vor allem drei Gruppen dokumentieren:

Bereits im Jahre 1940 wurde in der Pfarre St. Elisabeth eine Gruppe von 18 Personen (darunter auch die Brüder Glaser) verhaftet.* Diesem um den Jesuitenpater Anton Pinsker gebildeten Kreis sehr junger Leute (überwiegend Lehrlinge und Schüler) wurde vorgeworfen, die illegale Zeitschrift „Hör zu“ hergestellt, verteilt und dafür auch Spenden gesammelt zu haben. Als Haupträdelsführer bezeichnete die Anklage den Postangestellten Johann Graber, dem sie vorwarf, „von Salzburg aus unter dem Namen ‚Heimatfront‘ eine illegale Organisation aufzu -ziehen, deren Ziel die gewaltsame Losreißung der Ostmark vom Reich und die Errichtung eines selbständigen österreichischen Staates mit ständischer Verfassung gewesen ist“.*

Eine weitere Gruppe wurde im Frühjahr 1944 verhaftet (u. a. Dr. Franz Seywald, Dr.Rudolf Hanifle), deren Mit-gliedern man fortgesetztes Abhören ausländischer Rundfunksendungen, Verbreitung einschlägiger Nachrichten, Vorbereitung hochverräterischer Unternehmen und Verbreitung eines revolutionären Flugblattes vorwarf. Die Urteile, die über diese Personen verhängt wurden, reichten von der Todesstrafe (z.B. Dr. Seywald) bis zu mehr-jährigen Haftstrafen (z. B. Maria Hanifle).*

Im Wehrbezirkskommando und Wehrmeldeamt in Salzburg, beide im früheren Hotel „Roter Krebs“ untergebracht, hatte sich ebenfalls unter den dort Tätigen seit 1942 ein - wie es in der Anklageschrift vom März 1945 hieß - „Block zersetzender Kräfte“ gebildet, „die mit dem alsbaldigen Zusammenbruch des Reiches rechneten und deren füh-rende Elemente die gewaltsame Loslösung der Alpen- und Donau-Reichsgaue vom Reich erstrebten. Von den An-gehörigen dieses Kreises wurden planmäßig feindliche Rundfunkmeldungen abgehört, alle für Deutschland ungünstigen Nachrichten mit freudiger Genugtuung erörtert und fortlaufend in zersetzender Form von Büro zu Büro weiterverbreitet, von wo sie dann in weitere Kreise Eingang fanden. Gleichzeitig wurde für die Wiedererrich- tung eines selbständigen Österreich Propaganda getrie- .... 

Band 2 - Seite 13

Seite 14 bis 60

noch nicht bearbeitet.  - 14.04.2019/ST

 

84. AUS: EIDESSTATTLICHE ERKLÄRUNG VON GUSTAV P. HORN AUS WIEN BETREFFEND FESTNAHME SEINER SCHWESTER MARGARETHE ETLINGER AUS SALZBURG 1939 UND 1941 SOWIE DEREN TOD IM KZ RAVENSBRÜCK,10. JUNI 1946

OF Wien
DÖW E 20.000


Meine Schwester Margarethe Etlinger wurde zwischen Weihnachten und Neujahr 1939 erstmalig von der Gestapo in Salzburg verhaftet, u. zw. als letztes der Kinder meiner Mutter, da damals ich in Wien am 2. Dezember 1939 und kurz darauf mein Bruder Fritz in Iglau am 20. Dezember 1939 verhaftet worden sind. Während aber damals mein Bruder im März 1940 ins KZ Sachsenhausen überstellt und ich am 21. Mai 1940 vom LG Wien I nach dem  Heimtückegesetz zu acht Monaten Gefängnis verurteilt wurden, blieb meine Schwester damals wohl nur wenige Wochen in Haft. Für den 11. August 1941 erhielt meine Schwester wieder eine Vorladung zur Gestapo „zwecks Auskunft“, kehrte aber nicht mehr zurück, sondern wurde wenige Tage später dem LG Salzburg eingeliefert. Die Ursache war eine Denunziation, in der ein Gespräch meiner Schwester mit ihrer Milchfrau - anläßlich des Ausbruches des deutsch-russischen Krieges - den Mittelpunkt bildete. Während meine Schwester in der Untersuchungshaft weilte, versuchten meine Mutter und ich durch einen Salzburger Bekannten intervenieren zu lassen. Diese Intervention unterblieb aber, weil - wie dieser Bekannte sich ungefähr ausdrückte - angesichts der Äußerungen über Hitler eine Fürsprache zwecklos und sogar gefährlich wäre. Trotzdem sah sich die Salzburger Staatsanwaltschaft auf Grund der Voruntersuchung veranlaßt, das Verfahren mangels strafbaren Tatbestandes ohne Erhebung einer Anklage einzustellen, und ließ meine Schwester nach etwa 10 Wochen an die Gestapo Salzburg rücküberstellen. Dort verblieb meine Schwester noch etwa 6 - 8 Wochen, anscheinend ohne weiteres Verhör, und wurde in der zweiten Novemberhälfte 1941 in das Frauen-KZ Ravensbrück geschafft, wo sie im folgenden März verstarb. [...]
Es unterliegt keinem Zweifel, daß ihre Verschickung nur aus politischen Gründen erfolgte. Dies geht auch aus anderen Umständen hervor, die meiner Mutter und mir aus Salzburg mitgeteilt wurden. Vor allem gehörten meine Geschwister und ich dem Heimatschutz an, und meine Schwester, die früher Schauspielerin war, hatte wiederholt öffentlich bei Veranstaltungen des Heimatschutzes in Salzburg mitgewirkt. Überdies ist sie 1933, also unmittelbar nach der „Machtergreifung“ in Deutschland, aus Berlin, ihrem damaligen Wohnsitz, nach Salzburg übersiedelt. Während ihrer Haft bei der Gestapo im Jahre 1941 ereigneten sich u. a. auch folgende charakteristische Vorfälle: In einem Verhör wurde ihr vorgehalten, sie sei doch eine Deutsche; meine Schwester entgegnete: „Ich bin Österreicherin, ich spreche deutsch!“ - Nach einem Verhör sagte sie beim Verlassen des Amtszimmers „Grüß Gott!“, worauf sie der Beamte fragte: „Kennen Sie nicht den Deutschen Gruß?“ Meine Schwester antwortete:
„Ist ‚Grüß Gott!‘ vielleicht kein deutscher Gruß?“


85. AUS: FRÜHMELDUNG GESTAPO SALZBURGNR.1, 5. JÄNNER 1940
 

Yad-Vashem-Archiv, Jerusalem
DÖW E 21.100

Band 2 - Seite 61

Seite 62 bis 66

noch nicht bearbeitet.  - 14.04.2019/ST

 

Norbert Voglreiter ist heute noch christlichsozialer Parteigänger und gut getarnter Kämpfer für diese Idee. Weniger ein guter Christ, vielmehr treuer Diener der Kirche, erster Kirchenrat und geistiger Führer aller noch in diesem Lager stehenden Personen. Unter dem Großteil der Bevölkerung ist Voglreiter infolge seiner guten Umgangsform und Geselligkeit sehr beliebt. Fest steht, daß Obengenannter einer der gefährlichsten Gegner in dieser Umgebung ist und bleibt.

Voglreiter ist bis heute noch immer Leiter der Marktsparkasse Mittersill und Aufsichtsratsmitglied der Raiffeisenkasse Mittersill, wo er auch seinen starken Einfluß ausüben kann.

Seine Redensarten sind so gestellt, daß man ihm nie gesetzlich nähertreten kann. Über seine Charaktereigenschaften wird sorgfältig der Mantel der christlichen Nächstenliebe gebreitet.

95. AUS: ANKLAGESCHRIFT DES OBERSTAATSANWALTS BEIM SG SALZBURG GEGEN NORBERT VOGLREITER AUS MITTERSILL WEGEN VERGEHENS NACH DEM HEIMTÜCKE-GESETZ, 20. MÄRZ 1945


LG Salzburg, KMs 13/45
DÖW E 19.189/1


Unter Vorlage der Akten erhebe ich [...] folgende Anklage gegen den am 5.6.1890 [...] geborenen[...] Kaufmann Norbert Voglreiter unter folgender Beschuldigung:

Ich klage ihn an, sich nichtöffentlich böswillig staatsfeindlich geäußert zu haben.

Er hat nämlich am 2. 11. 1944 von Mittersill nach Salzburg einen Brief geschickt mit folgenden Sätzen: „Als wir die Schreckensnachricht von Salzburg bekamen, dachten wir wohl auch an Ihnen... Das alles soll nach dem Führerwort in 3 Jahren wieder schöner als vorher erstehen. Das kann nur ein Mann sagen, der zeitlebens besitzlos war wie er als Malergeselle ... Heute meldete ich mich zum Volkssturm, und mein Jüngster mußte sich auch melden. Damit ist, was männlich in meiner Familie ist, von Preußen erfaßt.“

5. Organisierter Widerstand

a) „Heimatfront“ — Gruppe Graber

96. AUS: ANKLAGESCHRIFT DES OBERREICHSANWALTS BEIM VGH GEGEN JOHANN GRABER UND ANDERE AUS SALZBURG WEGEN VORBEREITUNG ZUM HOCHVERRAT BZW. NICHTANZEIGE EINES HOCHVERRÄTERISCHEN VORHABENS, 29. SEPTEMBER 1943

Document Center Berlin

DÖW 4257

1.) Den Postangestellten Johann (Rufname: Hans) Graber aus Salzburg […] geboren am 21. Februar 1918 […] am 27. August 1940 vorläufig festgenommen […]

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2.) den Bauingenieur Otto Horst aus Graz-Nord, Andritz […] zuletzt in Salzburg, Hotel Münchener Hof, wohnhaft gewesen, geboren am 15. Juli 1886 […] am 4. September 1940 vorläufig festgenommen […]

3.) den Bauhilfsarbeiter Karl Petter aus Dietersdorf bei Fürstenfeld (Steiermark), Haus Nr.58, zur Zeit als Ober-gefreiter beim Stabe der Division Nr. 188, geboren am 6. Dezember 1898 […] vom 27. bis 30. September 1940 vorläufig festgenommen gewesen

[…] 

klage ich an,

I. die Angeschuldigten Graber und Horst, vom Frühjahr bis zum Herbst 1940 in Salzburg, Graber auch an anderen Orten der Ostmark, fortgesetzt und gemeinschaftlich untereinander oder mit anderen das hochverräte-rische Unternehmen, mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt die Verfassung des Reichs zu ändern und ein zum Reiche gehöriges Gebiet vom Reiche loszureißen, vorbereitet zu haben, wobei die Tat

a) darauf gerichtet war, zur Vorbereitung des Hochverrats einen organisatorischen Zusammenhalt herzustellen oder aufrechtzuerhalten,

b) auf Beeinflussung der Massen durch Herstellung und Verbreitung von Schriften gerichtet war,

II. den Angeschuldigten Petter, im Sommer 1940 in Salzburg von einem Vorhaben des Hochverrats glaubhafte Kenntnis erhalten und es unterlassen zu haben, der Behörde hiervon zur rechten Zeit Anzeige zu machen […]

Graber hat sich im Frühjahr und Sommer 1940 bemüht, von Salzburg aus unter dem Namen „Heimatfront“ eine illegale Organisation aufzuziehen, deren Ziel die gewaltsame Losreißung der Ostmark vom Reich und die Errichtung eines selbstständigen österreichischen Staates mit ständischer Verfassung gewesen ist. Um seine umstürzlerischen 

Gedanken in der österreichischen Bevölkerung zu verbreiten, hat er 17 Folgen einer Hetzschrift „Hör zu!“ heraus-gegeben und diese Flugblätter zusammen mit Gesinnungsgenossen, die er als Grundstock seiner Organisation geworben hatte, in Salzburg und anderen Orten der Ostmark verbreitet. Ferner hat er sich um die Gründung von Zweigstellen der „Heimatfront“ in Graz, Fürstenfeld bei Graz, Linz und Wien bemüht. Nach seiner Festnahme hat Graber vom Gefängnis aus versucht, seine noch auf freiem Fuße befindlichen Anhänger zu einer Fortsetzung ihrer illegalen Tätigkeit zu veranlassen.

Horst, der von Graber regelmäßig mit der Hetzschrift „Hör zu!“ beliefert worden ist, hat mehrmals zur Förderung dieser umstürzlerischen Flugblattpropaganda bestimmte Spenden an Graber gezahlt und nach seiner Festnahme mit Hilfe von Kassibern mit Graber Abreden über die Fortsetzung der illegalen Tätigkeit der „Heimatfront“ getroffen.

Petter ist von Graber über die hochverräterischen Bestrebungen der „Heimatfront“ unterrichtet worden und hat von ihm mehrere Stücke der Hetzschrift „Hör zu!“ erhalten; er hat es jedoch unterlassen, der Behörde hiervon Anzeige zu machen.

Wesentliches Ergebnis der Ermittlungen.

I. Die persönlichen Verhältnisse und der politische Werdegang der Angeschuldigten.

[…]

Der Angeschuldigte Graber gehörte im Jahre 1927 in Mittersill zunächst dem Deutschen Turnerbund und nach dessen Auflösung dem Christlich-Deutschen Turnverein als Mitglied an. Im Jahre 1932 trat er in Aigen bei Salzburg wieder dem Christlich-Deutschen Turnverein bei und wurde Anfang 1934 bei dessen Überführung in den Jugendver-band „Jung-Vaterland“ Mitglied dieser Organisation. Wie bereits erwähnt worden ist, war er vom Juni 1936 bis zum Februar 1937 als Schreibkraft bei der

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Landesführung dieses Verbandes und sodann bis zum Umbruch als Sekretär bei der Bezirksführung des "Österreich-ischen Jungvolks“ hauptberuflich tätig. In seiner Eigenschaft als Sekretär der Bezirksführung des „Österreichischen Jungvolks“ trat er auch wiederholt öffentlich als Redner auf; unter anderem sprach er im Februar 1938 im Auftrage des „Reichsbundes der Österreicher“ in Graz über die Jugendfrage. Vom Herbst 1937 bis zum März 1938 war er ferner Mitglied der „Vaterländischen Front“.

[...]

Der Angeschuldigte Horst war in der Zeit von 1923 bis 1928 [...] Mitglied der „Heimwehr“. Nach seiner Anstellung als technischer Beamter der Gemeinde Fohnsdorf trat er am 1. Januar 1929 der sozialdemokratischen Partei bei und gehörte ihr bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1934 an. Gleichzeitig war er Mitglied der sozialdemokratischen Organi-sation „Kinderfreunde“ und des „Republikanischen Schutzbundes“, bei dem er die Funktion eines Schutzbundführers bekleidete. Von 1934 bis zur Wiedervereinigung der Ostmark mit dem Reiche gehörte er der „Vaterländischen Front“ an. Nach dem Umbruch im Jahre 1938 trat Horst der NSV, der DAF und dem Reichskriegerbund bei. [...]

Der Angeschuldigte Petter ist seit 1938 Mitglied der NSDAP.

II. Die hochverräterischen Ziele der Organisation „Heimatfront“. [...]

Die hochverräterische Zielsetzung dieser Organisation ergibt sich insbesondere aus den bis auf die Nummer 16 sichergestellten 17 Folgen der im Vervielfältigungsverfahren hergestellten illegalen Hetzschrift „Hör zu!“, die Graber mit dem Untertitel „Kampfblatt der Heimatfront“ vom Mai 1940 bis zu seiner Festnahme in Abständen von etwa einer Woche herausgegeben und zusammen mit seinen Anhängern zu Werbezwecken verbreitet hat. Bereits in dem einleitenden Aufsatze der Folge 1 hat Graber das hochverräterische Ziel seiner Bewegung unter anderem mit folgenden Sätzen dargelegt:

„Tausende von Österreichern warten auf den Tag, an dem unser Vaterland von der Knecht-schaft des Nazitums befreit werden wird, Tausende von Kameraden und Kameradinnen haben untereinander keine Fühlungnahme, weil sie die Knüppel-knechte der NS-Gestapo fürchten müssen...

Unsere Idee ist eine, aber bis jetzt hat sich keine geschlossene Front und Bewegung ent-wickelt, die diese Idee der Befreiung unserer Heimat in eine Form gebracht hätte. Mit heutigem Tage hat ein junger Österreicher dieser Idee den Rahmen gegeben, und jeder Österreicher, sei er sonst wie immer eingestellt, der gewillt ist, der Nazihorde den verdienten Fußtritt zu geben, schließt sich diesen neuen Reihen mit Begeisterung an...

Glück auf Kameraden, mit frischem Mut ans große Werk, unser Kampfruf lautet:

Österreich wird wieder frei! ...“

Auch in allen weiteren Folgen seiner Hetzschrift hat Graber diese hochverräterische Zielset-zung der Heimatfront zum Ausdruck gebracht, so insbesondere in den in der Folge 4 veröffentlichten und in den späteren Folgen im einzelnen erläuterten Programmpunkten, in denen es unter anderem heißt:

„1. Wir wollen unser Vaterland Österreich vom Nationalsozialismus befreien, es wieder frei und groß machen und von Grund auf erneuern...

3. Wir wollen eine Regierung, in der die Stimme des Volkes zum Ausdruck kommt und dieses selbst im notwendigen Maße über sein Schicksal bestimmen kann...

6. Wir wollen mitarbeiten an einer Verständigung mit dem Deutschen Reich, jedoch fordern wir die innen- wie auch außenpolitische Selbständigkeit unseres Vaterlandes ...

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14. Wir fühlen und bekennen uns als Träger der neuen Staatsgesinnung und als Zukunft von Volk und Staat, sind bereit, Gut und Blut einzusetzen...“

[...]

Folge 12, Seiten 1 und 2:

„Dollfuß“ ist der erste große Blutheld Österreichs gegen den Nazismus. Wenn es sein muß, wird Blut um Blut vergolten werden. Hitler hat in seiner Reichstagsrede vom 19.7.1940 erklärt, daß die Reaktionäre eine Null seien, so erklären wir ihm, daß er gerade durch diese Null zu Fall gebracht wird!

Ihr Herren Nazis, der Tag der Abrechnung wird kommen! Dann aber werden wir Österreicher Rechenschaft verlangen über Dollfuß, die Konzentrationslager und die im Kriege hingeschlachteten Söhne der Heimat!

Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn, gegen Hitlers Wahn!...

Österreich muß sich vom Nazismus befreien, um den Nachfolgestaaten der österr.-ung. Monarchie das Schicksal eines Belgien usw. zu ersparen. Österreich muß wieder frei werden, damit auch die Tschechen usw. von den Sklavendiensten für Hitlers Kriegsmaschine befreit werden können! ...“

[...]

III. Die Straftaten der Angeschuldigten.

1.) Graber

a) Der Beginn der illegalen Tätigkeit des Angeschuldigten Graber, seine Beweggründe und Ziele.

Der Angeschuldigte Graber hat in seiner polizeilichen Vernehmung am 29. August 1940 und in seinen richterlichen Vernehmungen am 30. September, 3. Oktober und 28. Oktober 1940 über den Beginn seiner illegalen Tätigkeit, insbesondere über seine Beweggründe, sowie ferner über die Ziele, die er mit der von ihm ins Leben gerufenen illegalen Organisation „Heimatfront“ verfolgt hat, folgende Angaben gemacht:

Graber will nach der Wiedervereinigung der Ostmark mit dem Reiche zunächst den Willen gehabt haben, an der Aufbauarbeit des Nationalsozialismus teilzunehmen. Die ablehnende Behandlung, die man ihm wegen seiner politischen Vergangenheit zuteil werden ließ, machte ihm jedoch angeblich den Anschluß an die nationalsozial-istische Bewegung unmöglich und brachte ihn schließlich in einen ständig wachsenden Gegensatz zum Nationalsozialismus. Diese gegnerische Einstellung verstärkte sich noch, als er nach seiner im August 1939 erfolgten Kommandierung zum Stellvertretenden Generalkommando in Salzburg wieder mit ehemaligen Kameraden aus dem „Österreichischen Jungvolk“ in Berührung kam, die ebenfalls den Anschluß an die nationalsozialistische Bewegung nicht hatten finden können. Er will damals in Salzburg wiederholt Äußerungen gehört haben, in denen die Unzufriedenheit mit den Kriegsverhältnissen, insbesondere den durch den Krieg bedingten Erschwerungen des Wirtschaftslebens, zum Ausdruck gekommen und ferner auch gegen den Anschluß und die Tätigkeit der Organe des nationalsozialistischen Staates sowie der Partei Stellung genommen worden sei. Weiter will er damals wahrgenommen haben, daß viele frühere Organisationen oder Organisationssplitter, darunter auch die Kommunis-tische Partei, ihre politische Tätigkeit im geheimen fortsetzen.

Diese persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen führten den Angeschuldigten Graber schließlich im Frühjahr 1940 zu dem Entschluß, unter Ausnutzung der von ihm festgestellten politischen Strömungen eine Organisation aufzuziehen, in der er alle „österreichisch Gesinnten“ erfassen wollte. Das Ziel dieser Bewegung, für die er den Namen „Heimatfront“ wählte, sollte die Losreißung der Ostmark vom Reich und die

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Schaffung eines selbstständigen österreichischen Staates mit ständischer Verfassung sein. Graber rechnete auch damit, daß dieses Ziel letzten Endes nur im Wege der Gewalt werde verwirklicht werden können, und nahm jeden-falls diese Möglichkeit mit in Kauf. Seine nächste Aufgabe sah er darin, durch mündliche Propaganda sowie durch Verbreitung von Flugschriften möglichst viele Anhänger seiner Bestrebungen zu sammeln und diese zu einer Organisation zusammenzuschließen, die im Laufe der Zeit die bereits vorhandenen anderen staatsfeindlichen Gruppen aufsaugen sollte. Auf Grund von Bemerkungen, die Graber von Deutschen aus dem Altreiche gehört hatte, will er ferner davon ausgegangen sein, daß auch im Altreiche weite Kreise mit dem Nationalsozialismus unzufrieden seien und auf einen politischen Umbruch hinarbeiteten. Von diesen angeblichen Strömungen im Altreiche versprach er sich ebenfalls eine Förderung seines Zieles, da er annahm, daß sich im Verlauf eines Umsturzes im Altreich auch die Gelegenheit ergeben müsse, die Ostmark wieder aus dem Reichsverbande loszutrennen.

b) Die Abfassung und Herstellung der Flugblätter „Hör zu!“ durch den Angeschuldigten Graber.

Das Hauptgewicht seiner illegalen Tätigkeit legte der Angeschuldigte Graber zunächst auf die Herstellung und Herausgabe einer illegalen Flugschrift, mit deren Hilfe er die Teile der ostmärkischen Bevölkerung, bei denen er die gleiche Gesinnung voraussetzte, mit seinen Bestrebungen bekannt machen und für eine Mitarbeit oder Mitgliedschaft in der geplanten Organisation „Heimatfront“ gewinnen wollte. Graber brachte, wie bereits im Abschnitte II der Anklageschrift erwähnt worden ist, von dieser Flugschrift, für die er den Titel „Hör zu! Kampfblatt der Heimatfront“ wählte, in der Zeit vom Mai 1940 bis zu seiner Festnahme in Abständen von etwa je einer Woche insgesamt 17 Folgen heraus, die jeweils zwei oder vier Schreibmaschinenseiten umfaßten. Abgesehen von der Nummer 16 sind von sämtlichen erschienenen Folgen Stücke sichergestellt worden.

Den Inhalt der Flugblätter verfaßte der Angeschuldigte Graber bis auf einige wenige Abhandlungen und Berichte, die ihm die von ihm als Anhänger geworbenen Gesinnungsgenossen Steindl und Beyer aus Salzburg lieferten, selbst. Den Stoff will er sich aus Büchern, Zeitungen und sonstigen Druckschriften sowie aus Meinungsäußerungen und Mitteilungen, die ihm mündlich zugetragen wurden, zusammengestellt haben. Graber unterzeichnete seine in den Flugschriften veröffentlichten Aufsätze in der Regel mit „Lorenz“, seinem Decknamen als Führer der Organisation „Heimatfront“, in einzelnen Fällen auch mit „Norbert“. Jedes Flugblatt leitete er mit einem Aufsatz ein, in dem er sich mit den umstürzlerischen Zielen der Organisation „Heimatfront“ befaßte. In der Folge 4 veröffentlichte er ein von ihm aufgestelltes Programm der „Heimatfront“, das sich in den meisten Punkten mit den politischen Grund-sätzen der ehemaligen „Vaterländischen Front“ deckte. In den folgenden Nummern der Flugschrift gab er in den einleitenden Aufsätzen Erläuterungen zu den einzelnen Programmpunkten. Wie bereits im Abschnitte II der An-klageschrift ausgeführt und durch Auszüge aus einer Anzahl von Flublättern belegt worden ist, betonte Graber in allen diesen Abhandlungen, daß das Hauptziel der von ihm gegründeten Bewegung die „Befreiung“ der Ostmark vom Nationalsozialismus und die Wiederherstellung eines selbständigen österreichischen Staates sei. Ferner brachte er in immer neuen Wendungen zum Ausdruck, daß die Befreiung der Ostmark durch die „Verjagung“ der „Nazihorde“, also gegebenenfalls mit Gewalt und mit der Waffe in der Hand, erfolgen müsse. Als nächste Aufgabe bezeichnete er den Zusammenschluß aller Gesinnungsge-

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nossen zu einer großen und schlagkräftigen Organisation, die im gegebenen Augenblicke die Verwirklichung ihrer Ziele sicherstellen könne. Er forderte demgemäß alle, die bei der „Befreiung der Heimat“ helfen wollten, auf, die Bemühungen des „Führers der Heimatfront“ durch Werbung weiterer Gesinnungsgenossen, durch Lieferung von Beiträgen für die Zeitschrift oder durch Spenden zu unterstützen. Den Spendern empfahl er, sich Decknamen zu wählen, unter denen ihr Beitrag quittiert oder durch Veröffentlichung in der Flugschrift bestätigt werden sollte. Neben den Ausführungen grundsätzlicher Art und den die Organisation betreffenden Mitteilungen brachte Graber in jedem Flugblatt mehrere kurze Abhandlungen, in denen er politische Tagesereignisse oder örtliche Vorkommnisse in hetzerischer Form behandelte, um dadurch in der Bevölkerung Mißstimmung gegen die Maßnahmen der nationalsozialistischen Staatsführung zu erregen und den Boden für seine umstürzlerischen Ziele vorzubereiten.

Sowohl in seinen Aufsätzen wie in den kurzen Abhandlungen bemühte sich Graber, die Wirkung seiner Propaganda gegen den Führer und seine Organe in Staat und Partei durch die Unterstellung niedriger Beweggründe oder durch die Verwendung gehässiger Schimpfworte zu verstärken. Vor allem nahm Graber den gegenwärtigen Krieg und seine Folgeerscheinungen zum Ausgangspunkte hetzerischer Ausführungen. Unter anderem erklärte er, daß der jetzige Krieg kein aufgezwungener, sondern ein Eroberungskrieg Hitlers und seiner „Bonzen“ zur Unterwerfung und Versklavung weiterer Völker Europas sei. Er bezeichnete in diesem Zusammenhang den Führer als „Götzen“, „Raubkanzler“, „Verbrecher“, „Raubritter“, „Tyrannen“, „Heuchler“, „Vampir Europas“ und warf ihm vor, daß er Österreich nur zu dem Zwecke dem Reiche einverleibt habe, Rüstungsarbeiter und „Kanonenfutter“ für „seine Raubzüge“ zu gewinnen, um dann die „braven Österreicher auf dem Schlachtfeld der deut-schen Schande zu opfern“. Weiter führte er aus, daß das Volk nicht gefragt werde, ob es Krieg führen wolle, und seine Söhne für ein Kriegsziel sterben müßten, das sie nie gewollt hätten. In einem der Flugblätter beschuldigte Graber den Führer, „neben anderen kleinen Völkern in Europa auch den 250.000 Südtirolern ihre Heimat geraubt zu haben“, „und nur deshalb, damit er sich die italienische Bundesgenossen- schaft für seine wahnwitzigen Eroberungspläne habe sichern können“. Alle diese hetzerischen Ausführungen ließ Graber immer wieder in die Ankündigung ausklingen, daß Österreich dennoch vom „Nazismus“ befreit werde.

Die technische Herstellung der Flugblätter nahm Graber nach Dienstschluß oder während der Mittagspause auf seinem Dienstzimmer im Gebäude des Stellvertretenden Generalkommandos XVIII in Salzburg vor. Zur Niederschrift der Flugblattexte auf Matrizen und zum Abziehen der Matrizen benutzte er seine Dienstschreib-maschine sowie den auf seiner Dienststelle stehenden Vervielfältigungsapparat, während er das Papier und die Matrizen aus eigenen Mitteln oder mit Geldbeträgen anschaffte, die ihm von Angehörigen seiner Organisation zur Verfügung gestellt worden waren. Die Zahl der Flugblätter, die er von jeder Folge anfertigte, betrug 40 bis 50 Stück.

c) Die Verbreitung der Flugblätter und die sonstige organisatorische Tätigkeit des Angeschuldigten Graber bis zu seiner Festnahme.

Als Mitarbeiter oder ständige Abnehmer der Hetzschrift „Hör zu!“ gewann der Angeschuldigte Graber in der Zeit vom Mai 1940 bis zu seiner Festnahme den Mitangeschuldigten Horst sowie die in dem Verfahren 8 J 472/40 verfolgten Gesinnungsgenossen Steindl, Herbert Glaser, den der erstere ihm zuführte, Beyer, Rudolf Bergles, Olga und Aloisia Ruedl. Ihnen trug Graber insbesondere auf, die Flugblätter zu Werbezwecken weiterzugeben und von den gewonnenen Gesinnungsgenossen

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Spenden für die weitere Herausgabe der Flugblätter zu erheben. Über seine Zusammenarbeit mit den von ihm gewor-benen Gesinnungsfreunden hat Graber im einzelnen folgendes angegeben:

Aus Unterhaltungen, die Graber in den Monaten März und April 1940 nach Dienstschluß mehrmals mit dem kurz vorher als Offizier zu seiner Dienststelle kommandierten Mitangeschuldigten Horst führte, entnahm er, daß Horst gegensätzlich zur NSDAP eingestellt sei. Nachdem er in der Folgezeit mit Horst wiederholt über politische Fragen gesprochen und eine Übereinstimmung ihrer Anschauungen festgestellt hatte, entschloß er sich etwa bei der Heraus-gabe des zweiten oder dritten Flugblattes, Horst in seine Werbetätigkeit einzubeziehen, und übergab ihm ein Stück der damals erschienenen Flugblattfolge. Da Horst Interesse für den Inhalt des Blattes zeigte und den Verfasser, über dessen Person Graber ihn nicht unterrichtet haben will, als einen „geistig regsamen Menschen“ bezeich-nete, belieferte Graber ihn später auch mit den weiter erscheinenden Flugblattausgaben bis zu Folge 17. Weiter erhielt Graber, wie er nach anfänglichem Bestreiten in seinen richterlichen Vernehmungen am 19. und 26. November 1940 zugegeben hat, von Horst in der Zeit vom Mai bis zum August 1940 neben gelegentlichen Trinkgeldern für Besorgungen dreimal Beträge für das Flugblattunternehmen in Gesamthöhe von sieben bis acht Reichsmark. Über die ersten beiden Beitragszahlungen stellte Graber auf den von Horst gewählten Decknamen „Lux“ Quittungen der in der Folge 4 des Flugblattes beschriebenen Art aus. Sofort nach dem Erscheinen der ersten Flugblätter, Anfang Mai 1940, setzte Graber ferner den Abiturienten Ferdinand Steindl aus Salzburg, den er vom „Österreichischen Jungvolk" her kannte und für vertrauenswürdig hielt, von den Zielen der „Heimatfront" in Kenntnis und übergab ihm zu Werbezwecken ein Flugblatt mit dem Ersuchen, Gesinnungsgenossen zu gewinnen. Steindl sagte ihm seine Mitarbeit zu und teilte ihm bereits bei ihrem nächsten Zusammentreffen mit, daß er zwei Gesinnungsfreunde geworben habe. Um sie mit Flugblättern versorgen zu können, bezog Steindl in der Folgezeit von Graber regelmäßig mehrere Stück jeder Flugblatt-folge, und zwar in der Regel drei bis fünf, einmal auch zehn Flugblätter. Etwa Anfang Juli 1940 führte Steindl dem Angeschuldigten Graber den von ihm geworbenen Gesinnungsgenossen Herbert Glaser aus Salzburg, den Steindl für die Zeit seines Studiums in Wien zu seinem Stellvertreter ausersehen hatte, als Mitarbeiter zu. In der Folgezeit holte dieser die für die Gruppe des Steindl bestimmten Flugblätter bei Graber ab. Bereits bei Beginn ihrer Zusammenarbeit erhielt Graber von Steindl einmal einen Spendenbetrag von etwa vier Reichsmark. Ferner lieferte Steindl ihm den in Nummer 5 des Flugblattes veröffentlichten, mit „Friedrich” gezeichneten Aufsatz „Wir klagen an", der sich mit dem Reichsaußenminister von Ribbentrop und der Achse Berlin-Rom befaßt, sowie die Unterlagen für die in Nummer 11 erschienene Abhandlung „Nazistische Gleichheit". Ferner sagte Steindl dem Ange-schuldigten Graber zu, sich mit Hilfe seines in Wien wohnenden Bekannten Trpin um die Bildung einer „Heimatfront"-Gruppe in Wien zu bemühen.

Den Sparkassenangestellten Franz Beyer aus Salzburg, den Graber von der kaufmännischen Wirtschaftsschule her kannte, weihte er im Juni 1940 bei einem Besuch in dessen Wohnung in die Bestrebungen der „Heimatfront" ein. Er übergab ihm ein Stück der damals erschienenen Folge 6 des Flugblattes „Hör zu!“ und bat ihn, „sich für diese Sache zu interessieren“. Von da ab belieferte Graber den Beyer regelmaßig mit einem oder zwei Stück der weiteren Flug-blattausgaben 7 bis 17 und händigte ihm ferner ein Flugblatt der Folge 4 aus, die das Programm der „Heimatfront" enthält.

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Von Beyer erhielt Graber, wie er in seiner richterlichen Vernehmung am 26. November 1940 angegeben hat, für die Zwecke seiner Bewegung zwei- oder dreimal Geldspenden im Gesamtbetrage von sieben bis neun Reichsmark. Au-ßerdem stellte Beyer ihm den Stoff zu dem in Nummer 10 des Flugblattes erschienenen Aufsatz „Eine faule Angelegenheit“ zur Verfügung, der sich mit der Spendenwerbung durch den Ortsgruppenleiter Mösel in Salzburg befaßt. Etwa beim Erscheinen der Flugblattfolge 16, also kurz vor seiner Festnahme, bat Graber den Beyer, von dessen politischen Verbindungen er sich eine wesentliche Förderung seiner Bestrebungen versprach, seine Stellver-tretung als Leiter der „Heimatfront“-Bewegung zu übernehmen und sich um die Gewinnung von Vertrauensleuten in anderen Städten, und zwar zunächst in Linz und Wien, zu bemühen. Beyer lehnte zwar die Übernahme der Stellver-tretung wegen angeblicher beruflicher Überlastung ab, versprach jedoch, wegen der gewünschten auswärtigen Verbindungen Umschau zu halten und bei gegebener Gelegenheit einen entsprechenden Versuch zu unternehmen.

Ebenfalls im Juni 1940 suchte Graber den ihm von seiner Tätigkeit als Sekretär des „Österreichischen Jungvolks“ her bekannten Magistratsbeamten Rudolf Bergles zu dem Zwecke auf, seine politische Einstellung und etwaige Eignung für die Bestrebungen der „Heimatfront“ festzustellen. Nachdem Graber aus dieser vorbereitenden Besprechung erse- hen hatte, daß Bergles in seinen politischen Anschauungen mit ihm übereinstimmte, setzte er ihn bei einem neuer-lichen Besuch von den Bestrebungen der „Heimatfront“ in Kenntnis und übergab ihm eine Nummer des Flugblattes „Hör zu!“ mit der Bitte, für die darin vertretenen Ziele zu werben. Seitdem händigte er dem Bergles von jeder Nummer des Flugblattes drei oder vier Stück aus, während dieser an ihn in Abständen von etwa einer Woche Spenden von je einer Reichsmark, zusammen ungefähr etwa acht bis zehn Reichsmark, für die Zwecke der Organi-sation abführte. Außerdem setzte Graber seine Freundin Olga Ruedl und deren Mutter Aloisia Ruedl in Salzburg alsbald nach dem Erscheinen der ersten Flugblätter von seiner illegalen Tätigkeit in Kenntnis und belieferte sie bis zu seiner Festnahme regelmäßig mit seiner Hetzschrift.

Graber bemühte sich ferner, eine Anzahl weiterer Personen, darunter den Mitangeschuldigten Petter, den Soldaten Kaufmann, den Pförtner beim Kommandeur der Nachrichtentruppen XVIII in Salzburg, Huber, die Gräfin Schönborn in Graz sowie einen Bekannten der Schönborn als Mitarbeiter zu gewinnen und mit ihrer Hilfe auch Zweigstellen der „Heimatfront“ in anderen Orten der Ostmark aufzuziehen.

Etwa Mitte Juli 1940 unterrichtete Graber den Mitangeschuldigten Petter, der kurz darauf nach Dietersdorf bei Fürstenfeld auf Urlaub fahren wollte, über die Bestrebungen der „Heimatfront“. Graber händigte ihm die Nummer 4 sowie zwei oder drei weitere Ausgaben des Flugblattes „Hör zu!“ aus und bat ihn, in Fürstenfeld eine zur Gründung und Leitung einer Ortsgruppe geeignete Persönlichkeit ausfindig zu machen. Petter sollte dann dieser die ihm überlassenen Flugblätter als Werbeschriften übergeben und ihr auftragen, sich wegen ihrer weiteren Tätigkeit mit Graber in Salzburg oder mit der Gruppe, die Graber in Graz aufzuziehen beabsichtigte, ins Benehmen zu setzen. Petter erklärte sich auch hierzu bereit. Nach seiner Rückkehr vom Urlaub berichtete er jedoch, daß er nichts habe unternehmen können, da „in Fürstenfeld infolge einer großen Verhaftungswelle alles eingeschüchtert sei“.

Ende Juli oder Anfang August 1940 versuchte Graber, seinen Stubenkameraden Kaufmann für die Ziele der „Heimatfront“ zu gewinnen. Er las ihm Stellen aus einer damals erschienenen Folge des Flugblattes „Hör zu!“ vor, ohne ihm mitzuteilen, daß

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er der Verfasser war. Da sich Kaufmann jedoch ablehnend äußerte, setzte Graber diesen Werbungsversuch aus Furcht, von Kaufmann angezeigt zu werden, nicht weiter fort.

Ende Juli 1940 wurde Graber, als er nach Dienstschluß eine Auflage seiner Hetzschrift herstellte, von dem Pförtner Huber, der sich auf seinem abendlichen Rundgange befand, überrascht. Graber will sich darauf kurz entschlossen haben, Huber in den Flugblattvertrieb einzuspannen. Er händigte ihm daher 15 Flugblätter dieser Folge mit der Weisung aus, sie zu verteilen. Als Graber den Huber einige Zeit darauf fragte, ob er die Flugschriften weitergegeben habe, erklärte dieser jedoch, noch nicht dazu gekommen zu sein. Graber ließ sich darauf die Flugblätter zurückgeben und verbrannte sie.

Weiter entschloß sich Graber im Laufe des Juli 1940, mit Hilfe der damals in Graz wohnenden Gräfin Maria Anna Schönborn, die er von seiner Tätigkeit bei der Landesführung des „Österreichischen Jungvolks“ als Gesinnungs-genossin kannte, eine Zweigstelle der „Heimatfront“ in Graz aufzuziehen. Er nahm zu diesem Zweck Anfang August 1940 einen kurzen Urlaub und besuchte die Schönborn, der er sein Kommen vorher anzeigte, in Graz. Graber unter-richtete sie über die Bestrebungen der „Heimatfront“ sowie über die zu ihrer Verwirklichung betriebene Flugblatt-propaganda und bat sie um ihre Mitarbeit. Obwohl die Schönborn sofort jede Mitarbeit ablehnte, händigte er ihr je ein Stück der bis dahin erschienenen Folgen 1 bis 14 seines Flugblattes aus und ersuchte sie, an Hand des Inhalts dieser Schriften ihren Entschluß nochmals zu überprüfen. Graber will jedoch später von der Schönborn nichts mehr in dieser Angelegenheit gehört haben. Am selben Tage zeigte Graber dem Ehemann einer Freundin der Schönborn, Josef Nemenc in Maria-Grün bei Graz, mit dem er in Gesellschaft der Schönborn zusammenkam, die Folge 4 der Hetzschrift „Hör zu!“ in der Absicht, ihn für seine Bestrebungen zu gewinnen. Dieser lehnte jedoch die Entgegen-nahme des Blattes oder eine weitere Unterhaltung über diesen Gegenstand sofort mit der Erklärung ab, „daß er mit irgendwelchen illegalen politischen Sachen nichts zu tun haben wolle“.

Nach der Festnahme des Angeschuldigten Graber wurden in dessen Spind eine Anzahl von Flugblättern „Hör zu!“ in Briefumschlägen vorgefunden, die mit Feldpostanschriften versehen waren. Der Angeschuldigte Graber hat zwar be-stritten, jemals Flugblätter „Hör zu!“ mit der Feldpost oder der Post verschickt zu haben, und behauptet, daß es sich bei den vorgefundenen Sendungen um zur Weitergabe bestimmte Flugblätter gehandelt habe, die er lediglich zu Tar-nungszwecken mit von ihm erfundenen Feldpostanschriften versehen habe. Graber hat durch diese Maßnahme angeblich erreichen wollen, daß Stücke, die etwa bei der Verteilung durch ihn oder seine Mitarbeiter verlorengingen, von dem Finder nicht der Behörde ausgeliefert, sondern in einen Briefkasten gesteckt oder weggeworfen würden. Die polizeilichen Ermittlungen haben zwar ergeben, daß die auf jenen Sendungen befindlichen Feldpostanschriften tatsächlich erfunden waren. Trotzdem sind die Angaben des Graber über den Verwendungszweck jener Sendungen unglaubhaft. Vielmehr muß angenommen werden, daß Graber jene Sendungen in der Erwartung hat abschicken wollen, daß sie wegen Nichtermittlung des Empfängers bei der Dienststelle der betreffenden Feldpostnummer geöffnet und gelesen werden würden. Offenbar nahm er an, daß er auch auf diese Weise im Sinne seiner umstürzler-ischen Bestrebungen wirken könne.

d) Die Bemühungen des Angeschuldigten Graber, seine illegale Tätigkeit während der Untersuchungshaft vom Gefängnis aus fortzusetzen.

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Der Angeschuldigte Graber versuchte auch noch nach seiner Festnahme, seine illegale Tätigkeit mit Hilfe des Mitangeschuldigten Horst vom Gefängnis aus fortzusetzen. Am 4. September 1940 erfuhr er durch einen als Hausarbeiter beschäftigten Mitgefangenen von der Einlieferung des Horst. Wie Graber in seiner Vernehmung am 9. Oktober 1940 angegeben hat, entschloß er sich darauf, mit Hilfe des Horst, mit dessen baldiger Haftentlassung er rechnete, die Fortsetzung der von ihm ins Leben gerufenen „Heimatfront“-Bewegung zu versuchen. Graber wechselte zu diesem Zweck über als Hausarbeiter tätige Mitgefangene mit Horst bis Ende September 1940 zahlreiche Kassiber, die in Urschrift oder beglaubigten Lichtabdrucken sichergestellt worden sind. Einen Teil dieser Kassiber verfaßten sie in eng-lischer Sprache, um zu verhindern, daß der Überbringer von deren Inhalt Kenntnis nahm.

Wie aus dem Inhalte der erfaßten Kassiber hervorgeht und Graber in seinen Vernehmungen am 30. September und   9. Oktober 1940 zugegeben hat, teilte Graber dem Horst in diesen Kassibern zunächst mit, daß er seine anfänglichen belastenden Angaben gegen ihn zurückgenommen habe, und verständigte sich mit ihm über ihre weiteren Aussagen. Weiter trafen Graber und Horst Abreden für die von ihnen erwartete baldige Freilassung des Horst. Graber ersuchte den Horst, den „Nachrichtendienst“ zwischen den in Freiheit befindlichen Anhängern der „Heimatfront“ und ihm zu übernehmen, und erteilte ihm Anweisungen für die Durchführung der Nachrichtenübermittlung. Er übersandte ihm insbesondere einen Chiffrierschlüssel, der für alle Mitteilungen Verwendung finden sollte, und empfahl ihm, die Nachrichten vorläufig mittels Papiereinlagen in Zigaretten durch seinen Vater, seine Mutter oder andere Besucher einschmuggeln und sie ihm später durch Übersendung von Büchern, in denen Buchstaben mit Punkten geken-nzeichnet  werden sollten, zugehen zulassen. Ferner erteilte Graber dem Horst eingehende Anweisungen für die Fort-führung der Arbeit. Als Personen, die für die Weiterarbeit in Salzburg in Frage kämen, nannte er die schon erwähnten Beyer, Bergles, Petter, Kaufmann und Huber, seine Eltern Johann und Theresia Graber, die im selben Hause wie seine Mutter wohnende Frau Donnenberg, den Pförtner Paukenhaider sowie die auf der bisherigen Dienststelle des Graber beschäftigte Aufräumefrau. Horst sollte den Beyer beauftragen,

1. die Leitung der „Heimatfront“ als Stellvertreter des Graber unter dem Decknamen „Habicht“ zu übernehmen und „sich die Organisation mit seinen Leuten selbst auszubauen“,

2. die Flugschrift unter einem neuen Namen in einer anderen Stadt weiter herauszugeben,

3. sich in Salzburg mit den in dem Kassiber angeführten Personen, die ihre Gefolgsleute mündlich zusammenzu-halten hätten, ins Benehmen zusetzen,

4. in anderen Städten, insbesondere in Wien, Graz und Linz, nach außen hin selbständige Gruppen, mit denen er durch Kuriere in Verbindung bleiben sollte, aufzuziehen, und

5. sich in seinem gesamten Schriftverkehr des von Graber mitgeteilten Schlüssels zu bedienen.

Aus dem Inhalt der Kassiber ist auch zu entnehmen, daß Horst die ihm von Graber erteilten Aufträge zur Fortführung der illegalen Tätigkeit angenommen hat. Offenbar hat sich die in dem Kassiber P enthaltene Erklärung: „Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht“, auf jene Aufträge bezogen. In den Kassibern T und Z hat Horst allerdings ausgeführt, daß er wegen der gegen ihn bestehenden Verdachtsgründe nur bezüglich der Mutter des Graber „alles tun“ und ihr helfen könne, daß er dagegen mit

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den übrigen Personen nicht in Fühlung treten dürfe, um sie nicht ebenfalls in Verdacht zu bringen. Da jedoch aus dem weiteren Inhalt dieser beiden Kassiber hervorgeht, daß Horst damals bereits mit der Möglichkeit einer Über-wachung des Kassiberverkehrs rechnete, ist in der Zusage, der Mutter des Graber zu helfen, eine getarnte Annahme des Organisationsauftrags zu erblicken, bei der Horst lediglich die Einschränkung gemacht hat, die ihm übermittelten Weisungen statt an Beyer an die Mutter des Graber weiterzuleiten.

Die von Graber beabsichtigte Fortführung seiner illegalen Tätigkeit ist durch die Aufdeckung des Kassiberverkehrs und die Fortdauer der Untersuchungshaft des Mitangeschuldigten Horst vereitelt worden.

97. AUS: ANKLAGESCHRIFT DES OBERREICHSANWALTS BEIM VGH GEGEN FERDINAND STEINDL UND ANDERE AUS SALZBURG WEGEN VORBEREITUNG ZUM HOCHVERRAT, 4. NOVEMBER 1943

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DÖW 4275


Steindl hat den in dem Verfahren 8 J 97/41 verfolgten Postangestellten Johann Graber aus Salzburg bei seinen Bemühungen um den Aufbau einer illegalen Organisation „Heimatfront“ unterstützt, deren Ziel die gewaltsame Losreißung der Ostmark vom Reich und die Errichtung eines selbständigen österreichischen Staates mit ständischer Verfassung gewesen ist. Er hat insbesondere weitere Mitarbeiter gewonnen, Geldspenden erhoben und an Graber abgeführt sowie bei der Verbreitung der von Graber herausgegebenen Flugschrift „Hör zu!“ mitgewirkt, in der für die umstürzlerischen Ziele der „Heimatfront“ geworben worden ist. Außerdem hat er selbst Aufsätze verfaßt, die in dieser Flugschrift veröffentlicht worden sind.

Beyer und Rudolf Bergles, die von Graber für die von ihm verfolgten illegalen Bestrebungen geworben und mit der Hetzschrift „Hör zu!“ beliefert worden sind, haben zur Weiterführung des Flugblattunternehmens bestimmte Spenden an Graber gezahlt. Beyer hat dem Graber ferner die Unterlagen für eine in dem Flugblatt „Hör zu!“ erschienene Abhandlung zur Verfügung gestellt und sich bereit erklärt, sich um die Gewinnung von Vertrauensleuten der „Heimatfront“ in anderen Städten der Ostmark zu bemühen. Rudolf Bergles hat die von Graber bezogenen Flugblätter auch anderen Personen, insbesondere seinem Bruder Johann Bergles, zugänglich gemacht. Pinsker, Seiringer, Glaser, Aloisia Ruedl, Olga Ruedl und Johann Bergles sind durch den Inhalt der Flugblätter „Hör zu!“, die ihnen von Anhängern der „Heimatfront“ übergeben oder zur Durchsicht überlassen worden sind, über die umstürz-lerischen Ziele dieser Bewegung unterrichtet worden; sie haben es jedoch unterlassen, der Behörde hiervon Anzeige zu machen.

98. AUS: URTEIL DES VGH GEGEN FERDINANDSTEINDL UND ANDERE AUS SALZBURG WEGEN VORBEREITUNG ZUM HOCHVERRAT, 9. MÄRZ 1944

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DOW 4275

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In der Strafsache gegen
1.) den Abiturienten Ferdinand Steindl [...] geboren am 7. März 1922 [...]
2.) den Sparkassenangestellten Franz Beyer [...] geboren am 15. Juli 1908 [...]
3.) den Stadtsekretär Rudolf Bergles [...] geboren am 10. April 1902 [...]
4.) den Kooperator an der Pfarre Elisabeth in Salzburg, Anton Pinsker [...] geboren am 12. Februar 1906 [...]
5.) den Malergehilfen Johann Seiringer [...] geboren am 11. Februar 1922 [...]
6.) die Witwe Aloisia Ruedl [...] geboren am 3. Mai 1889 [...]
7.) die berufslose Olga Ruedl [...] geboren am 28. Juni 1910 [...]
8.) den Postoberkommissar i. R. Dr. jur. Johann Bergles [...] geboren am 15. Mai 1898

[...]

sämtlich zur Zeit in dieser Sache in gerichtlicher Untersuchungshaft, wegen Vorbereitung zum Hochverrat hat der Volksgerichtshof, 6. Senat [...] für Recht erkannt:

Der Angeklagte Steindl hat sich im Sommer 1940 in Salzburg kurze Zeit im Rahmen einer legitimistischen Organi-sation betätigt, indem er in geringem Umfange Flugschriften weitergegeben und einen Betrag von 5,-- RM weiter-geleitet hat. Weil er damals eben erst 18 Jahre alt geworden war und obendrein die Tätigkeit von sich aus aufgegeben hat, wird er zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Angeklagte Rudolf Bergles hat dem Leiter dieser Organisation in geringfügiger Weise Hilfe geleistet. Er wird deshalb zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Angeklagten Beyer und Pinsker haben von dem hochverräterischen Treiben der Organisation glaubhafte Kenntnis erhalten und keine Anzeige erstattet. Es werden daher verurteilt: Beyer zu 3 Jahren und Pinsker zu 2 Jahren Gefängnis.

Auf die Freiheitsstrafen werden an erlittener Haft angerechnet bei Steindl 2 Jahre 7 Monate, bei Beyer 2 Jahre 6 Monate und bei Rudolf Bergles 2 Jahre. Die gegen den Angeklagten Pinsker erkannte Strafe ist durch die erlittene Haft verbüßt.

Die Angeklagten Seiringer, Aloisia und Olga Ruedl und Johann Bergles werden freigesprochen.

99. AUS: ERKLÄRUNG VON ANTON PINSKER BETREFFEND ANTINATIONALSOZIALIS-TISCHE HALTUNG VON HERMANN PRODINGER AUS SALZBURG, 6. APRIL 1946

OFSalzburg, S-104
DÖW 18.518

Hermann Prodinger, geb. 10. 11. 1923 [...] ist mir seit seiner Hauptschulzeit gut bekannt. Er war vor dem März 1938 eifriges Mitglied des Jungreichsbundes der katholischen Jugend Österreichs. Nach der Besetzung Österreichs kam er mit seinen Brüdern Gustl und Fritz regelmäßig in die Pfarrjugendgruppe von St. Elisabeth. Die hier zusammengeschlossenen Burschen waren so treu und verläßlich, daß ich vor ihnen ganz offen über das wahre Wesen des Nationalsozialismus sprechen und geradezu einen Schulungskurs gegen die nationalsozialistische „Weltanschauung“ halten konnte. Alle taten begeistert mit. Auch die Brüder Prodinger waren kompromißlose Gegner des Nationalsozialismus.
Ein Teil der Gruppe wurde im August 1940 von der Gestapo verhaftet. Die übrigen entgingen diesem Schicksal nur deshalb, weil wir Verhafteten uns weigerten, der Gestapo die Namen der anderen zu nennen.[...] Nach meiner Enthaftung im März

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1943 trat ich wieder mit Hermann Prodinger in Verbindung und stellte zu meiner Freude fest, daß er ganz der alte geblieben war: ein stramm katholischer Bursch und treuer Österreicher, ein unbeugsamer Gegner des Nationalsozia-lismus.

100. AUS: INTERVIEW MIT KARL GLASER AUS SALZBURG, 27. MAI 1987


DÖW, Projekt „Erzählte Geschichte“, Interviewabschrift Nr. 689, S. 1 ff., 5


Mein Vater ist 1938 sofort nach dem Gesetz zur Neuordnung des österreichischen Berufsbeamtentums gemaßregelt worden. Mein Onkel ist überhaupt aus dem Dienstverhältnis entfernt worden, viele unserer Freunde und Bekannten wurden eingesperrt, und ich habe mich mit einer Gruppe ehemaliger Angehöriger vom „Jung-Vaterland“ bzw. vom „Österreichischen Jungvolk“ zusammengetan, und wir haben versucht, durch - im großen und ganzen bescheidene - Spenden jenen zu helfen, die eben durch die Verhältnisse von damals zu Schaden gekommen sind. Es gab ja viele Familien, wo der Familienerhalter eingesperrt war oder eben seinen Posten verloren hat. Auf uns bis heute unerklärliche Weise ist damals irgendein Agent der Gestapo eingeschleust worden in diese Gruppe [...] sodaß im September 1938 eine größere Verhaftungswelle begonnen hat. [...] Ein Mitschüler von mir ist ebenfalls eingesperrt worden, und wir haben dann in den Herbstmonaten 1938 laufend nicht nur Verhöre gehabt, sondern waren zweimal eingesperrt. Für 17jährige Jungen nicht gerade etwas Angenehmes. [...] Ein besonderer Glücksfall wollte es, daß das Gerichtsverfahren, weil immer wieder neue Beschuldigte entdeckt wurden, hinausgezogen wurde, und wir, muß ich auch wiedersagen, durch die Einsicht des damaligen Landesschulinspektors und verschiedener anderer nationalsozi-alistischer Professoren immerhin zur Matura zugelassen wurden. Ich kann Ihnen ehrlich sagen, als ich das Matura-zeugnis hatte, ist mir wirklich ein Stein von Herzen gefallen, weil wir waren ja lange Zeit von der Schule suspendiert, und was das unmittelbar vor der Matura heißt, kann man sich vielleicht noch vorstellen.

Anschließend mußte ich sofort zum Arbeitsdienst einrücken. [...] In der Zwischenzeit ist auch mein Bruder, der zwei Jahre jünger ist als ich, mit verschiedenen Gruppen in Kontakt gekommen, die im wesentlichen auch drauf aus waren, erstens Unterstützung für jene zu finden, die zu wirtschaftlichen Schäden gekommen sind, und zweitens eine gewisse Gemeinschaft jener zu erhalten, die den Glauben an Österreich nicht verloren haben. Auch diese Gruppe ist im Sommer 1940 aufgeflogen, und nachdem ich von der ganzen Sache wußte, bin ich ebenfalls in Haft genommen worden. Diese Gruppe war relativ gut organisiert, wöchentlich einmal ist ein Mitteilungsblatt, ein Flugblatt, heraus-gekommen, „Hör Zu“ hieß die Überschrift oder der Titel. Es sind dann im August 1940, innerhalb weniger Tage, mindestens 100 Personen aus Salzburg und Umgebung verhaftet worden. Es hat unter anderem dazu geführt, daß im Polizeigefangenhaus und im Landgericht, ich will nicht sagen, kein Platz mehr war, aber es gab keine Zelle, in die dann nicht auch ein zweiter von der gleichen Gruppe hineingekommen wäre. Um das zu verhindern, bin ich dann mit einem Transport in das Gefängnis nach Traunstein überstellt worden. [...]

Das Malheur war ja, nicht nur in dem Fall, sondern überhaupt: In dem Augenblick, wo eine Gruppe größer geworden ist, ist natürlich immer wieder jemand dazugekommen, der dann auch nicht mehr dichtgehalten hat. [...] Es hat zwar sicherlich einen guten Zusammenhalt gegeben, aber wahrscheinlich muß ja doch dort oder da geplau-

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dert worden sein. Im übrigen ist es den nationalsozialistischen Organisationen, vor allem der Gestapo und dem Sicherheitsdienst, gelungen, immer wieder Konfidenten einzuschleusen. Was letzten Endes ja nicht schwer war, denn wenn jetzt jemand gekommen ist und über die damaligen Verhältnisse sich negativ geäußert hat oder sonst halt verschiedene Kritiken geübt hat, hat man im allgemeinen angenommen, der war auch von dieser Richtung, und der hat halt dann wieder Meldungen gemacht. [...] Die Gruppe von 1938 waren durchwegs Leute aus den Reihen des ehemaligen „Jung Vaterlandes“ bzw. der „Ostmärkischen Sturmscharen“, „Christlich-Deutscher Turnverein“ usw., oder die Gebrüder Beran waren vom „Sturmkorps“ der „Vaterländischen Front“. 1940 war das eine sehr gemischte Gruppe, nach heutigen Begriffen sowohl christlich-sozial oder [...] konservativ und ebenso sozialistische Gruppen. Das hat damals sozialdemokratisch geheißen.

b) Gruppe Seywald

101. AUS: ANKLAGESCHRIFT DES OBERREICHSANWALTS BEIM VGH GEGEN FRANZ SEYWALD AUS SALZBURG-AIGEN UND ANDERE WEGEN VORBEREITUNG ZUM HOCHVERRAT, 17. JUNI 1944


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DÖW 4284


1. Den Oberregierungsrat a. D. Dr. Franz Seywald aus Salzburg-Aigen[...] geboren am 9. Mai 1891 [...]

2. dessen Ehefrau Margarethe Seywald [...] geboren am 15. Januar 1904 [...]
3. den Schüler Gottfried Seywald [...] geboren am 7. Juni 1926 [...]
4. den Oberregierungsrat Dr. Rudolf Hanifle aus Salzburg-Parsch [...] geboren am 28. September 1893 [...]
5. dessen Ehefrau Maria Hanifle [...] geboren am 9. August 1900 [...]
6. den leitenden Behördenangestellten Dr. Karl Biak [richtig: Biack] aus Salzburg-Parsch [...] geboren am

12. September 1900 [...]
7. dessen Ehefrau Edeltraud Biack [...] geboren 21. Juni 1910 [...]
8. den Facharzt Dr. Josef Tinzl aus Salzburg [...] geboren am 18. Dezember1886 [...]
9. den Hofrat a. D. Dr. Max Platter aus Salzburg[...] geboren am 6. September 1885

[...]
10. dessen Ehefrau Barbara Platter [...] geboren am 5. Mai 1892 [...]
11. den Ingenieur Albert Schmidinger aus Salzburg-Parsch [...] geboren am 18.5.1891
[...]

12. dessen Ehefrau Rosa Schmidinger [...] geboren am 18. August 1894 [...]
sämtliche Angeschuldigten mit Ausnahme der Ehefrau Seywald, die sich auf freiem Fuß befindet [...] in der Haftan-stalt in Salzburg in Untersuchungshaft [...]
klage ich an, von 1941 bis 1944 in Salzburg, außer der Ehefrau Platter, durch Förderung des habsburgischen Separa-tismus ein hochverräterisches Unternehmen vorbereitet zu haben, indem sie Rundfunkabhörgemeinschaften bildeten und in zahlreichen Fällen die Nachrichten des Schweizer und des Londoner Senders abhörten, erörterten und verbrei-teten, wobei sie insbesondere die Sendungen aus London, die für ein „freies selbständiges Österreich“ Propaganda machten, bevorzugten.

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Franz Seywald verbreitete außerdem um Weihnachten 1941 eine hochverräterische Druckschrift, die auf die Zersetzung der Wehrmacht abzielte.Die Angeschuldigten Franz Seywald, Dr. Hanifle, Dr. Biack und Dr. Tinzl, die sich an diesen Umtrieben maßgeblich beteiligten und wiederholt erklärten, Deutschland werde diesen Krieg verlieren, haben damit zugleich den Siegeswillen des deutschen Volkes zu erschüttern gesucht und die Propaganda der Feinde unterstützt.Die Angeschuldigte Ehefrau Platter hörte mehrfach ausländische Sender absichtlich ab. [...]

1. Der Ehemann Seywald [...] 1919 wurde er bei der Landesregierung in Salzburg eingestellt und im Jahre 1930 zum Bezirkshauptmann in Markt Pongau (früher St. Johann) ernannt. Nach dem Umbruch im Jahre 1938 wurde er auf Grund des §4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 [...] aus dem Staatsdienst entlassen. [...]
Der Ehemann Seywald ist konfessionell stark gebunden. Er schloß sich 1920 der katholischen CV-Studentenverbindung „Austria Wien“ und 1933 der VF an. Er war als Bezirkshauptmann von Markt Pongau unter dem Dollfuß-Schuschnigg-System besonders systemtreu und bekämpfte den Nationalsozialismus und seine Anhänger in fanatischer und gehässiger Weise. Hierfür erhielt er als einer der ersten Bezirkshauptleute im Lande Salzburg das Silberne Ehrenzeichen der Republik Österreich. [...]

3. Der Angeschuldigte Gottfried Seywald wurde im streng katholischen Sinne erzogen und nach dem Besuch der Volksschule im Jahre 1936 im katholischen Institut St. Peter in Salzburg untergebracht, einer ausgesprochen klerikalen Erziehungsstätte, die nach dem Umbruch aufgelöst wurde. Bis zu seiner Festnahme war er alsdann Schüler des Gymnasiums in Salzburg.
Gottfried Seywald trat 1938 der HJ bei und gehörte bis zu seiner Festnahme dem Bann 578 in Salzburg an. Wegen der in dem vorliegenden Verfahren ihm zur Last gelegten Handlungen wurde er durch einstweilige Verfügung des HJ-Gebietsführers Salzburg vom 14. April 1944 aus der HJ ausgeschlossen.
b) Der Angeschuldigte Ehemann Seywald konnte sich auch nach Ausbruch des gegenwärtigen Krieges mit den gegebenen Verhältnissen nicht abfinden, sondern suchte - möglicherweise zum Teil auch aus Verbitterung über seine Entlassung aus dem Staatsdienste – aus seiner staatsfeindlichen Einstellung heraus Verbindung mit Personen und Nachrichtenquellen, die gleichfalls die durch die NSDAP getragene Neuordnung des großdeutschen Raumes ablehnten. Im Laufe des Jahres 1941 ging er dazu über, die deutschsprachigen Sendungen des Londoner Rundfunks abzuhören. [...] Seit Herbst 1943 hörte er auch etwa sieben- oder achtmal die Nachrichten des Schweizer Senders. Bei diesem Abhören in der eigenen Wohnung waren mehrmals seine Ehefrau, sein Sohn Gottfried und die Mitangeschuldigten Eheleute Hanifle zugegen. Franz Seywald teilte dem Mitangeschuldigten Ehemann Hanifle nach dessen Angaben Mitte 1943 auch mit, daß der Schweizer Sender jeden Freitag abends um 19 Uhr eine Wochenübersicht über die Kriegslage bringe.
In dieser Zeit stand der Angeschuldigte Franz Seywald in engerem persönlichem Verkehr mit dem Arzt Dr. Bauer sowie den Mitangeschuldigten Eheleuten Biack und Eheleuten Hanifle. Bei gelegentlichen Besuchen in den Wohnungen dieser Bekannten hörte er bei Dr. Bauer von 1941 bis 1942 etwa 20mal, bei den Eheleuten Biack seit 1942 zeitweise wöchentlich zwei- bis dreimal mittags und außerdem etwa zweimal abends und bei den Eheleuten Hanifle seit Ende 1942 etwa fünfmal den Londoner Sender ab.

[...]

Band 2 - Seite 81

Mittags traf der Angeschuldigte Franz Seywald bei den Eheleuten Biack häufig auch den Mitangeschuldigten Tinzl an, der dann ebenfalls die Nachrichten des Londoner Senders und mit besonderem Interesse den täglichen Vortrag für die „Errichtung eines freien selbständigen Österreich“ abhörte. [...]
Weihnachten 1943 wurde dem Angeschuldigten Franz Seywald durch die Post eine hochverräterische Druckschrift zugestellt. Diese Druckschrift [...] trug die Überschrift: „Österreichische Unabhängigkeitserklärung“. In ihr wurde die Selbständigkeit Österreichs mit Einschluß der süddeutschen Staaten zum 1. März 1944 proklamiert und außerdem an die Deutsche Reichsregierung und die NSDAP das Ultimatum gestellt, bis zum 1. März 1944 diese Länder zu verlassen. Die Schrift forderte ferner die „neuösterreichischen“ Wehrmachtsangehörigen zu Desertion und die bewaffnete Macht in Österreich zur Besetzung der Parteidienststellen und zur Festnahme der politischen Leiter auf und ersuchte schließlich die Feindmächte Amerika, England und Rußland um Hilfeleistung. Die Ehefrau Seywald und der Angeschuldigte Gottfried Seywald nahmen von dem Inhalt dieser Druckschrift Kenntnis und händigten sie dem Angeschuldigten Ehemann Seywald, an den die Druckschrift gesandt worden war, aus. Dieser zeigte sie nacheinander zwei guten Bekannten. Da letztere ihm rieten, das Flugblatt zu verbrennen oder Anzeige zu erstatten, will Seywald die Schrift verbrannt haben. [...]

4. Der Ehemann Hanifle [...] Von 1931 bis zum Umbruch war er Bezirkshauptmann in Zell am See. Als einer der wenigen Bezirkshauptleute der österreichischen Systemregierung wurde er nach dem Umbruch in den Reichsdienst übernommenund nach einer längeren Tätigkeit bei der Regierung in Breslau als Oberregierungsrat zum Leiter der Preisbildungsstelle beim Reichsstatthalter in Salzburg eingesetzt[...]
Der Angeschuldigte Hanifle ist konfessionell gebunden und war von 1934 bis zum Umbruch Mitglied der VF. Während seiner Amtszeit als Bezirkshauptmannin Zell am See ist er als Gegner des Nationalsozialismus nicht in Erscheinung getreten. Andererseits bemühte er sich aber auch nach dem Umbruch nicht, sich der NSDAP anzuschließen, sondern fiel durch mangelnde Gebefreudigkeit auf. Er trat lediglich dem NSRB und RDB bei.

5. Die Ehefrau Hanifle ist die Schwester der Ehefrau Seywald. [...] Ehrgeizig und konfessionell gebunden, trat sie im Jahre 1934 der VF bei und suchte im gesellschaftlichen Leben der Systemzeit im Lande Salzburg eine führende Rolle zu spielen. Sie lehnte den Nationalsozialismus ab und trat auch nach dem Umbruch in kein engeres Verhältnis zu ihm. [...]
Angeblich durch den Angeschuldigten Franz Seywald auf die deutschsprachigen Nachrichten der Auslandssender aufmerksam gemacht, hörte der Angeschuldigte Hanifle seit Anfang 1943 wöchentlich etwa zweimal bis zu seiner Festnahme den Londoner und den Schweizer Rundfunk ab, nachdem er erst Mitte 1942 in den Besitz eines Rundfunkgeräts gelangt war. Bei diesem Abhören war die Ehefrau Hanifle fast regelmäßig anwesend; sie will aber die Sendungen bis auf ein- oder zweimal monatlich nicht beachtet, sondern Hausarbeiten verrichtet haben. Außerdem waren zumindest einmal die Eheleute Seywald und einmal auch ein Freund ihres Sohnes namens Nake bei dem Empfang zugegen. Die Eheleute Hanifle waren von Mitte 1943 bis zu ihrer Festnahme ferner etwa drei- bis viermal in der Wohnung Seywald und fünf- bis sechsmal in der Wohnung Schmidinger anwesend, als Franz Seywald und Schmidinger die deutschsprachigen Nachrichten des Londoner Senders einschalteten. Der Ehemann Hanifle hörte darüber hinaus in dieser Zeit noch mehrfach allein mit

Band 2 - Seite 82

Schmidinger in dessen Wohnung den Londoner Sender ab. Im Anschluß an den Empfang bei Schmidinger wurden die Nachrichten unter den Anwesenden erörtert. [...]

Für die politische Atmosphäre in der Familie Hanifle ist schließlich noch folgende Begebenheit kennzeichnend:
Als die Ehefrau Hanifle am 20. März 1944 von der Festnahme ihres Schwagers Franz Seywald Kenntnis erhielt, verbrannte sie noch am gleichen Tage den gesamten Briefwechsel zwischen ihr und ihrem Mann aus der Zeit der dienstlichen Abordnung ihres Mannes nach Breslau. Die Ankunft eines Kraftwagens am Abend des 21. März 1944 vor der Wohnung Hanifle veranlaßte die 15jährige Tochter Frieda Hanifle, die zutreffenderweise in den Wageninsas-sen Polizeibeamte vermutete, zu der Bemerkung:
„So ein Blödsinn, jetzt grad müssen s’ den Onkel Franz (Seywald) verhaften, knapp vor unserem Sieg, wo so schon alles durcheinander geht. Gut, daß wir gestern abend noch alles verbrannt haben.“[...]

6. Der Ehemann Biack studierte nach entsprechender Vorbildung zunächst Theologie  und darauf Rechtswissen-schaften. Nach dreieinhalbjähriger Tätigkeit im Justizdienst fand er im höheren Verwaltungsdienst bei der Polizei-direktion in Salzburg Verwendung. Sein Vorgesetzter war der Mitangeschuldigte Platter. Nach dem Umbruch wurde Biack auf Grund des § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 unter Gewährung eines Ruhegehaltes von 180,- RM aus dem Staatsdienst entlassen. [...]

Biack trat 1926 der katholischen CV-Studentenverbindung „Norika“ und 1934 der VF bei und gehörte diesen Organisationen bis zum Umbruch an. Nach dem Umbruch unterhielt er meist nur mit früheren CV-Mitgliedern und streng konfessionell eingestellten Personen Verkehr. Er verhielt sich gegenüber der NSDAP und ihren Hoheitsträgern grundsätzlich ablehnend, was sich insbesondere auch daraus ergibt, daß er weder der Partei noch ihren Gliederungen und angeschlossenen Verbänden beigetreten ist. [...]
Der Angeschuldigte Biack stellte seit 1941 in Gegenwart seiner Ehefrau das in der Küche befindliche Rundfunkgerät größtenteils abends um 20 Uhr, oft aber auch mittags um 12.30 Uhr zum Empfang der deutschsprachigen Übertragungen auf den Londoner oder Schweizer Sender ein. Während er die Nachrichten des Schweizer Senders nur bis 1942 empfangen haben will, setzte er das Abhören des Londoner Senders bis zu seiner Festnahme fort.[...]
Außer seiner Ehefrau waren seit Ende 1942 abends mehrfach die Angeschuldigten Eheleute Platter und, getrennt von diesen, der Angeschuldigte Tinzl, zweimal auch die Eheleute Seywald zugegen, während mittags häufig die Angeschuldigten Tinzl und Franz Seywald gemeinsam am Empfang teilnahmen. [...]

9. Der Ehemann Platter [...] war bis 1927 bei der Polizeidirektion in Graz und Wien tätig und wurde darauf als stellvertretender Polizeidirektor nach Salzburg versetzt. Nach dem Umbruch wurde er [...] in den Ruhestand versetzt.[...]
Platter gehörte seit 1904 der katholischen CV-Studentenverbindung „Norika“ und seit 1933 der VF, beiden Organi-sationen bis zum Umbruch, an. Vor dem Umbruch bekämpfte er aus Überzeugung die NSDAP und er hielt als ver-läßlicher Anhänger des Systems Dollfuß-Schuschnigg das Ritterkreuz I. Klasse des österreichischen Verdienstordens. Auch nach dem Umbruch versuchte er nicht, Anschluß an die NSDAP zu gewinnen. Er lehnte die Anwendung des Deutschen Grußes ab und meldete sich

Band 2 - Seite 83

bisher auch nicht zum Kriegseinsatz. Er gehört lediglich der NSV und dem DRK an. [...]
Die Ehefrau Platter ist bisher zwar in politischer Hinsicht aktiv nicht in Erscheinung getreten, verkehrte aber bereits vor dem Umbruch in national eingestellten Familien und verhielt sich auch nach dem Umbruch gegenüber der NSDAP und ihren Hoheitsträgern äußerlich korrekt. Sie gehört dem Deutschen Frauenwerk, der NSV, dem DRK und dem RLB an. [...]
Die Eheleute Platter standen nach dem Umbruch in engem Verkehr mit den Angeschuldigten Eheleuten Biack. Seit Ende 1942 nahmen sie gelegentlich von Besuchen, die sie des Kartenspielens [wegen] gemacht haben sollen, mehrmals bis zu ihrer Festnahme an dem Empfang der deutschsprachigen Sendungen des Londoner Rundfunks in der Wohnung Biack teil.
Außerdem schaltete der Angeschuldigte Platter auch in seiner eigenen Wohnung seit Ende 1942 bis zu seiner Festnahme etwa alle zehn Tage gegen 14 oder 22 Uhr den Londoner Sender ein und hörte die Nachrichten in deutscher Sprache ab. [...]

11. Der Ehemann Schmidinger [...] Schmidinger gehörte von 1933 bis zum Umbruch der VF sowie in den Jahren 1919 und 1934 auch der Heimwehr an. [...] Nach dem Umbruch meldete sich Schmidinger zur Partei. Obwohl er außerdem in der Öffentlichkeit nicht nachteilig in Erscheinung trat und sich auch bei Sammlungen gebefreudig zeigte, betätigte er sich in Salzburg in keiner nationalsozialistischen Organisation. Er ist Mitglied des RDB und RDL. Der zuständige Hoheitsträger in Salzburg ist der Ansicht, daß Schmidinger innerlich noch Gegner des National-sozialismus sei.

16. Die Ehefrau Schmidinger [...] Sie ist konfessionell stark gebunden und trat 1933 auch der VF bei. Obwohl sie sich nach dem Umbruch der NS-Frauenschaft anschloß, beteiligte sie sich in Salzburg in keiner Weise an den politischen Veranstaltungen, sondern war im Gegenteil darüber aufgebracht, daß den Kindern an Sonntagen durch HJ-Dienst angeblich der Kirchenbesuch erschwert würde.
b) Die Eheleute Schmidinger haben seit Anfang oder Mitte 1943 bis zu ihrer Festnahme wiederholt gemeinsam - nach den polizeilichen Angaben des Ehemannes Schmidinger etwa 20 bis 30mal - die deutschsprachigen Nachrichten des Londoner Rundfunks abgehört. Die Ehefrau Schmidinger schaltete darüber hinaus in dieser Zeit auch in Abwesenheit ihres Mannes mehrmals diesen Sender ein. Bei diesem Empfang waren zuweilen die Tochter Rosemarie und seit Herbst 1943 auch die Eheleute Hanifle zugegen. Im Anschluß an die Sendungen wurden die Nachrichten unter den Anwesenden erörtert.

102. AUS: SCHREIBEN DES REICHSSTATTHALTERS IN SALZBURG AN DEN

REICHSMINISTER DES INNERN BETREFFEND EINSTELLUNG DER VERSORGUNGSBEZÜGE FÜR DEN ZUM TODE ERURTEILTEN FRANZ SEYWALD AUS SALZBURG, 7. AUGUST 1944

Document Center Berlin
DÖW 4284


Der [...] im Jahre 1938 in den Ruhestand versetzte Oberregierungsrat Dr. Seywald erhielt als Beamter des ehemaligen Landes Salzburg seine Versorgungsbezüge aus Mitteln der Gauselbstverwaltung angewiesen. Der Genannte war bis zu seiner am 21.

Band 2 - Seite 84

März 1. J. erfolgten Verhaftung beim öffentlichen Notar Dr. Hans Seethaler in Salzburg, Alter Markt 4, beschäftigt. Am 22. Juli 1944 wurde Seywald wegen Gemeinschaftsabhörens ausländischer Sender und Weiterverbreitung von Feindnachrichten vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Seywald hat sich kurz nachher in der Haft erhängt. Mit Rechtskraft des Urteils hat Seywald gemäß § 53 DBG seine Beamteneigenschaft verloren. Die Einstellung der Versorgungsbezüge mit Wirkung vom 22. 7. 1944 habe ich veranlaßt.

 


103. AUS: OF-ANSUCHEN VON ELFRIEDE STEMBERGER (GEB. HANIFLE) AUS SALZBURG AN DAS AMT DER SALZBURGER LANDESREGIERUNG BETREFFEND IHRE VERFOLGUNG, 6. OKTOBER 1952
 

OFSalzburg, S-755
DÖW 18.726


Meine Eltern, Hofrat Dr. Rudolf und Maria Hanifle, wurden am 21. 3. 1944 aus politischen Gründen von den deutschen Machthabern verfolgt und in Haftgesetzt. In diesem Zusammenhang wurde ich als Minderjährige von dem berüchtigten Gestapomann König in das Jugendgefängnis eingewiesen und dort in einem ungeheizten Kellerlokal festgehalten. Auf Betreiben einer Fürsorgerin wurde ich zwar aus der Gestapo-Haft in Salzburg entlassen, aber auf Grund der gegnerischen Einstellung meiner Eltern zum Nationalsozialismus in ein Erziehungsheim nach Wien gebracht. Dort wurde ich zu schweren Arbeiten herangezogen, und konnten wir infolge unserer Arbeit nicht den Luftschutzkeller aufsuchen.
Im Zusammenhang mit dieser unter Ausnützung der politischen Macht der deutschen Machthaber gegen mich gesetzten politischen Verfolgung erlitt ich schwerste gesundheitliche Schädigungen.
Durch die Kellerhaft und durch die ungünstigen Lebensbedingungen im NS Erziehungsheim wurde ich lungenkrank und hatte bereits als junges Mädchen schwere Herzanfälle.


c) Wehrbezirkskommando und Wehrmeldeamt Salzburg


104. AUS: SCHREIBEN DES OBERSTAATSANWALTS BEIM SG SALZBURG AN DEN OBERREICHSANWALT BEIM VGH BETREFFEND STRAFSACHE GEGEN HANS NAKE AUS SALZBURG WEGEN WEHRKRAFTZERSETZUNG, 6. NOVEMBER1944


AVA, Reichsstatthalter
DOW E 18.036


Betrifft: Strafsache gegen Hans Nake, geb. am 13. 1. 1920 [...] Student [...] wegen Wehrkraftzersetzung. [...]
Nach den Aussagen des Belastungszeugen hat der Beschuldigte Nake in mehreren Gesprächen sich geäußert, daß wir in einem Staate leben, in dem der kleine Mann nichts mehr zu reden habe; daß wir eine Diktatur haben; [...] daß ein hoher Prozent-

Band 2 - Seite 85

Seite 86 bis 262

nicht bearbeitet.  - 26.04.2019/ST

 

Orten, wo der Seelsorger von der Erteilung des Unterrichtes von der Schule ferngehalten war, durch Vorbereitungsunterricht auf die Erstbeichte und Erstkommunion wie auf die Firmung wenigstens einigermaßen Genüge geleistet werden.
Laut mündlicher Mitteilung der Geheimen Staatspolizei Salzburg an Domkapitular Achorner und einer Verlautbarung des Landrates Zell am See wäre aber auch die Erteilung des Erstbeicht- und Erstkommunionunterrichtes in der Kirche durch Priester, die Schulverbot haben, untersagt.
Bei dieser Sachlage bin ich als Bischof verpflichtet zu erklären, daß ein solches Vorgehen eine direkte Behinderung der Seelsorge in sich schließt und daß ich dazu nicht schweigen darf, ohne meineeidlich beschworenen Amtspflichten aufs schwerste zu verletzen. [...]
Der Bischof kann auf verschiedene, nicht wesentliche Formen der Seelsorge(z.B. Pfarrjugend-Organisation, Vereine etc.) verzichten, nie aber auf die wesentliche Ausübung der Seelsorge selbst.

205. AUS: SCHREIBEN DES DECHANTEN VON ST. JOHANN IM PONGAU, PETER MAIR, AN DAS FÜRSTERZBISCHÖFLICHE ORDINARIAT SALZBURG BETREFFEND AUSWIRKUNG DER SCHULVERBOTE, 1. SEPTEMBER 1941


KAS 12/10 Rp2 ()
DÖW E 19.197


Am Sonntag, den 31. August wurde der Aufruf zur Anmeldung für den kath. Religionsunterricht verlesen.
Es ist aber in St. Johann kein Katechet vorhanden, da alle drei Herren Schulverbot haben, wenn H. Dr. Moser nach Filzmoos kommt. H. Norbert Hollweger soll ja auch nicht in die Schule gehen dürfen. - Ähnlich sind die Verhältnisse  in St. Veit, Schwarzach, Goldegg, Dienten, Mühlbach.
Da sind die Anmeldungen zwecklos, wenn kein Katechet vorhanden ist. - Soll nicht doch um Rücknahme der vielen Schulverbote angesucht werden? Oder sollen die einzelnen Herren selber, wie hier H. Schumacher, um Rücknahme ansuchen?


206. AUS: LISTE BETREFFEND SCHULVERBOTE FÜR WELT- UND ORDENSPRIESTER IM GEBIET DER ERZDIÖZESE SALZBURG, O.D. (1941)


KAS 12/10 Rp2 (f)
DÖW E 19.691

Feld Kaspar, 2. September 1938 [...]
Nestlinger Josef, 29. September 1938 [...]
Esthofer Franz, 21. November 1938 [...]
P. Postruschnik Karl S. J., 12. Jänner 1939 [...]
Saigger Franz, 5. Jänner 1939 [...]
Weickl Julius, 5. Jänner 1939 [...]
Hutteger [richtig: Hutegger] Valentin,

     17. Jänner 1939 [...]
P. Johannes Kugler, 11. März 1939 [...]

Brandstätter Vitus, 17. März 1939 [...]
Moosmann Josef, 17. Mai 1939 [...]
Ramsl Rupert, 19. Juli 1939 [...]
Brunnauer [richtig: Brunauer] Alois, 

     14. September 1939 [...]
Reitetschläger Josef, 7. November 1939 [...]
Berschl Johann, 7. November 1939 [...]
Lahnsteiner Josef, 8. November 1939 [...]
Schatteiner Leonhard, 8. November 1939 [...]

Band 2 - Seite 263

Raudaschl Anton [...]
P. Max Mühlbacher, 14. Dezember 1939 [...]
Moser Franz, 15. Jänner 1940 [...]
Klaushofer Franz, 21. Februar 1940 [...]
Baumann Wolfgang, 20. September 1940 [...]
Mair Peter, 20. September 1940 [...]
Dorfer Otto, 20. September 1940 [...]
Kocher Franz, 20. September 1940 [...]
Linsinger Balthasar, 20. September 1940 [...]
Holztrattner Johann, 20. September 1940 [...]
Grübl Moritz, 20. September 1940 [...]
Auer Franz, 20. September 1940 [...]
Zaremba Engelbert, 30. Juni 1939 [...]
Holzinger Ferdinand, 16. Dezember 1940 [...]
Gstrein Alois, 18. Dezember 1940 [...]
Pramendorfer Martin, 3. Jänner 1941 [...]
Stangassinger Matthias, 3. Jänner 1941 [...]
Ringelschwendtner[ richtig: Ringlgschwendtner]
Maximus, 12. Februar 1941 [...]
Marchele Ernst, 13. März 1941 [...]
Pichler Johann, 9. April 1941 [...]
GmachlJosef, 23. April 1941 [...]
Breitkopf Andreas, 28. April 1941 [...]
Embacher Bartholomä [richtig: Bartholomäus],
28. April 1941 [...]

Angermann Eduard, 28. April 1941 [...]
Ebelsberger Adalbero, 28. April 1941 [...]
Feder P. Rupert, 28. April 1941 [...]

Posch Josef, 10. Mai 1941 [...]
Eder Alfred, 12. Mai 1941 [...]
Trattner Benedikt, 21. Mai 1941 [...]
Wirthenstätter Josef, 24. Mai 1941 [...]
Haas Karl, 4. Juni 1941 [...]
Eibl Dr. P. Anselm, 4. Juni 1941 [...]
Heinrich P. Ulrich, 4. Juni 1941 [...]
Joiser Anton, 6. Juni 1941[...]
Treichl Michael, 6. Juni 1941 [...]
Huber F. Nikolaus, 4. Juni 1941 [...]
Straßer Anton, 4. Juni 1941 [...]
Födinger Karl, 4. Juni 1941 [...]
Mayer August, 4. Juni 1941 [...]
Wirnsperger Josef, 4. Juni 1941 [...]
HuberFranz,6. Juni 1941 [...]
Schäfer P. Josef Willibald, 17. Juni 1941 [...]
Königswieser Josef, 17. Juni 1941 [...]
Thalmayr P. Arno, 18. Juni 1941 [...]
Meyer Franz X., 19. Juni 1941 [...]
Frankl Johann, 19. Juni 1941 [...]
LacknerJosef, 18. Juni 1941 [...]
Steinbrecher P. Eberhard, 18. Juni 1941 [...]
Meneweger P. Albert, 18. Juni 1941 [...]
Leitner Matthias, 19. Juni 1941 [...]
Weißgärber Ferdinand, 19. Juni 1941 [...]

Plasser Johann, 19. Juni 1941 [...]
Lugstein Josef, 19. Juli 1941 [...]

2. Kooperatoren und Kapläne.

Haslinger Josef, 9. Jänner 1939 [...]
Pinsker P. Anton, 12. Jänner 1939 [...]
Pammer P. Franz, Il. März 1939 [...]
Sumereder [richtig: Summereder] Heinrich,
11. März 1939 [...]
Gmachl Dr. Max, 26. März 1939 [...]
Maier Johann, 27. März 1939 [...]
HuberGeorg, 3. April 1939 [...]
Sparber Walter, 25. April 1939 [...]
Hauthaler Josef, 1. Juni 1939 [...]
EbnerJosef, 1. Juli 1939 [...]
Madersbacher Johann, 1. Dezember 1939 [...]
Reschreiter P. Emeran [richtig: Emmeram],
12. Dezember 1939 [...]
Fenninger Paul, 12. Dezember 1938 [...]
Schwaighofer Matthias, 19. Oktober 1938 [...]
PP. Kapuziner v. Werfen,
14. Dezember1938 [...]
Klingenmaier Bruno, 25. Jänner 1939 [...]
Stemmer Franz, 15. Jänner 1940 [...]
Forstmaier Harald, 9. April 1940 [...]
Schitter Rupert, 18. April 1940 [...]
Dedio P. Karl, 18. April 1940 [...]
Winkler Franz, 26. Juni 1940 [...]
Maier P. Thomas, 6. November 1940 [...]
Planitzer Anton, 6. November 1940 [...]
Vogl Johann, 16. Dezember 1940 [...]

Frühwirt P. Stefan [richtig: Stephan],
15. März 1941 [...]
Rechtschmid P. Oktavian, 28. Februar 1941 |...]
Eder P. Anton, 28. Februar 1941 [...]
Rücker P. Johann, 12. Februar 1941 [...]
Gelb Johann, 20. März 1941 [...]
Weißenbach P. Anton, 20. März 1941 [...]
Gmachl Anton, 31. März 1941 [...]
Schitter Josef, 7. April 1941 [...]
Paulmichl Josef, 7. April 1941 [...]
Strobl Bernhard, 9. April 1941 [...]
Loncaric Dr. Anton, 23. April 1941 [...]
Wohlschlager Josef, 28. April 1941 [...]
Krispler Josef, 28. April 1941 [...]
Fürst Leonhard, 28. April 1941 [...]
Breideneich Peter, 28. April 1941 [...]
Schwaighofer P. Hartwik [richtig: Hartwig],
28. April 1941 [...]
Bock Matthias, 28. April 1941 [...]
Wuppinger Sieghart, 28. April 1941 [...]
Röck Felix, 28. April 1941 [...]
Siedler Michael, 28. April 1941 [...]
Hutter Josef, 28. April 1941 [...]
Brendl Georg, 28. April 1941 [...]
Köhle Alois, 12. Mai 1941 [...]
Schumacher Hermann, 27. Mai 1941 [...]
Schreilechner August, 9. Juni 1941 [...]

Band 2 - Seite 264

Ludwig (P.) Rudolf, 4. Juni 1941 [...]
Reischl P. Ignaz, 4. Juni 1941 [...]
Engel Jakob, 4. Juni 1941 [...]
Mayr P. Werigand, 4. Juni 1941 [...]
Dürnberger Franz, 6. Juni 1941 [...]
Margreiter Johann, 17. Juni 1941 [...]
Sterr P. Martin, 17. Juni 1941 [...]
Brugger Michael, 17. Juni 1941 [...]
Winkler P. Beda, 18. Juni 1941 [...]
Kröll P., 19. Juli 1941 [...]
Berger Ernst, 19. Juni 1941 [...]

Seemüller Hermann, 19. Juni 1941 [...]
Löcker Johann, 19. Juni 1941 [...]
Rehrl Stephan, 18. Juni 1941 [...]
Winter P. Gabriel, 18. Juni 1941 [...]
Seethaler P. Gregor,18. Juni 1941 [...]
Osendorfer P. Felix, 18. Juni 1941 [...]
Weißerth Fritz, 18. Juni 1941 [...]
König P. Gerhard, 27. Juni 1941 [...]
Feichtner Georg,3. Juli 1941

​207. AUS: VERHANDLUNGSSCHRIFT DES ERZBISCHÖFLICHEN ORDINARIATS SALZBURG, AUFGENOMMEN MIT DEM KOOPERATOR VON BRAMBERG, JOSEF HAUTHALER, BETREFFEND DESSEN JUGENDSEELSORGEVERBOT, 12. FEBRUAR 1942

KAS 12/2 Rdl
DÖW E 19.197


Hauthaler: „Ich habe am 3. Juni 1939 vom Herrn Landesrat Springenschmid durch die Ortsschulleitung Altenmarkt Schulverbot bekommen. Die Gründe sind mir persönlich nicht mitgeteilt worden. Nach einer Aussage des H. Ortsgruppenleiters Roman Weinstabl gegenüber dem Pfarrer wurde das Schulverbot verhängt, weil ich ein Mitglied des DJ ungebührlich gemaßregelt hätte.“

Achorner: „Worin bestand diese Maßregelung?“Hauthaler: „Ich hatte am Samstag, 15. April 1939, für meinen verhinderten Kollegen eine Konfessionsstunde in der 5. Klasse der Volksschule in Altenmarkt gehalten. Bei meinem Eintritt war ein ohrenbetäubender Lärm. Ich kannte keinen von den Knaben persönlich, war aber gezwungen, Ordnung zu machen. Ich nahm einen Knaben am Rockkragen und führte ihn nach vorne. Da sich ein anderer darüber spöttisch lächelnd äußerte, wollte ich ihm einen Schlag auf die Wange geben, aber der Knabe entschlüpfte mir, und ich streifte ihn nur mit den Fingern. Daß dieser Knabe, wie ich später erfuhr, ein Ohrenleiden hatte und Mitglied des DJ war, wußte ich nicht, da ich ja keinen der Knaben kannte. Außerdem bemerkte ich bei keinem ein Abzeichen der Zugehörigkeit zur Staatsjugend.“ [...]

Achorner: „Was könnte sonst noch Ursache Ihres Verbotes sein? Kam es zu Zwischenfällen mit weltlichen Behörden?

Hauthaler: „Am 25. März 1939 nahm ich als Leiter der Marianischen Kongregation mehrere Mädchen in dieselbe auf. Darüber war der Ortsgruppenleiter sehr erregt. Er kam am nächsten Tage mit dem H. Bürgermeister zu mir und warf mir eine Reihe unhaltbarer Beschuldigungen vor. Damals verfaßte ich mit einem Ordinariatsvertreter ein Protokoll über den Vorfall und die Anschuldigungen, das der Geheimen Staatspolizei überreicht wurde. Der H. Ortsgruppenleiter hat ein Verbot für die weitere Betätigung der Kongregation ausgesprochen. Da dieses Verbot den Richtlinien des Stillhaltekommissars nicht entsprach, wurde ich vom Ordinariatsvertreter beauftragt, wie bisher weiterzuarbeiten. Solange ich in Altenmarkt blieb, sind von behördlichen Stellen weitere Weisungen diesbezüglich nicht erfolgt.“

Band 2 - Seite 265

Seite 266 bis 322

noch nicht bearbeitet.  - 14.04.2019/ST

 

X. ANDERE RELIGIÖSE GRUPPEN

Andreas Maislinger

Der Widerstand von Angehörigen der Internationalen Bibelforschervereinigung (IBV) - bekannter als Zeugen Jehovas -  bzw. anderer religiöser Sekten! gegen den Nationalsozialismus findet in der Geschichtsschreibung immer mehr Anerkennung.

War früher die Erwähnung der Bibelforscher eher die Ausnahme,so erscheint jetzt in Österreich oder der Bundesre-publik Deutschland keine Gesamtdarstellung des Widerstandes, ohne die Bibelforscher ausführlich zu würdigen. Immer wieder wird betont, daß die IBV am geschlossensten Widerstand leistete und auch am stärksten verfolgt wurde. Von 417 Aktivisten des Jahres 1938 starben laut Angaben von Radomir Luza durch Nazi-Terror 131, 25 wurden hingerichtet. Im folgenden wird zu zeigen sein, daß im Reichsgau Salzburg die Verfolgung besonders konsequent durchgeführt wurde, aber da die genaue Zahl der IBV-Mitglieder nicht bekannt ist, kann nicht errechnet werden, wie hoch der Prozentsatz der Opfer im Vergleich zu den anderen Reichsgauen ist.

An dieser Stelle soll keine ausführliche Diskussion des Widerstandsbegriffes geführt werden. Die Unsicherheit bei der Zuordnung der Bibelforscher zeigte sich jedoch bereits bald in der Handhabung des Österreichischen Opferfür-sorgegesetzes (OFG) aus dem Jahr 1947: So wurde etwa Matthäus Greisberger aus Guggenthal, am 31. Mai 1938 wegen Verbreitung von Bibelforscher-Schriften festgenommen und bis 6. Mai 1945 in diversen Konzentrationslagern inhaftiert, zunächst weder Amtsbescheinigung noch Opferausweis zugesprochen. „Voraussetzung für die Anerken-nung eines KZ-Häftlings im Sinne des § 1 des OFG “ sei der Kampf „für ein freies demokratisches Österreich“, die Zeugen Jehovas seien jedoch „wegen ihrer grundsätzlichen Einstellung zu den Lehren des Nationalsozialismus und insbesondere zu dem von diesem vertretenen Gedanken der Wehrdienstleistung verfolgt“ worden; für die „Anerkennung als Opfer nach dem OFG“ hingegen sei nicht allein die Haft in Konzentrationslagern ausschlag-gebend, „sondern auch eine betonte Tätigkeit zugunsten eines freien Österreich und nicht eine dem Nationalsozia-lismus grundsätzlich feindliche Einstellung“

Bibelforscher wurden weniger wegen aktiver Handlungen gegen den Nationalsozialismus verfolgt als wegen ihrer Weigerung, an Abstimmungen teilzunehmen, den „Hitlergruß“ zu leisten, ihre Wehrpflicht zu erfüllen. Gordon C. Zahn, der amerikanische Biograph Franz Jägerstätters, hat treffend zwischen drei Gruppen von Verfolgten des NS-Regimes unterschieden: Juden und Zigeuner wurden wegen ihrer Herkunft verfolgt und nur auf Grund ihres Seins getötet. Widerstandskämpfer wurden wegen aktiver Handlungen verhaftet. Bibelforscher hingegen mußten schwerste Verfolgungen erleiden, weil sie sich verweigerten, weil sie nicht handeln wollten. Diese Unterscheidung bietet uns einen Ausweg aus dem Dilemma, die Zeugen Jehovas entweder zu verschweigen, was trotz der erwähnten zunehmenden Aufwertung noch immer geschieht, oder undifferenziert neben den Widerstand der Kommunisten, Sozialdemokraten oder der Offiziere des 20. Juli 1944 zu stellen. Die Opferbereitschaft und Geradlinigkeit der überwältigenden Mehrheit der österreichischen Zeugen Jehovas soll nicht geschmälert werden, wenn vorgeschlagen wird, für sie eine eigene Kategorie

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von Widerstand einzuführen: der Verweigerung jeder Unterstützung des Tötungsapparates.

Interessant ist, daß Kritik am Verhalten der Mutterorganisation - der Watch Tower Bible and Tract Society mit Sitz in Brooklyn, New York - nur von ehemaligen Zeugen Jehovas, von Journalisten oder in der DDR - einem Staat, welcher kurz nach der Befreiung vom Nationalsozialismus die Wachtturm-Gesellschaft erneut verbot - geübt wird. Unter Fachhistorikern klingt nur eine Kritik am Antisemitismus und am Anbiederungsversuch der Brooklyner Organisation an den Nationalsozialismus durch. Da es in dieser Dokumentation vor allem um die Verfolgung der einfachen IBV-Mitglieder geht, welche in Salzburg ausnahmslos ihrer Überzeugung treu blieben, kann es hier nicht darum gehen, das Fehlverhalten der Führung ausführlich darzustellen. Laut Verhörprotokoll hat Erich Frost als Reichsdiener und damit Herr über alle deutschen Bibelforscher viele seiner Brüder an die Gestapo verraten. Erich Frost übernahm nach der Befreiung vom Nationalsozialismus erneut die Leitung des deutschen Zweiges der Wachtturm-Gesellschaft.

Bibelforscher gibt es im Bundesland Salzburg seit 1924. Im „Ständestaat“ wurde die Wachtturm-Gesellschaft durch Bescheid des Sicherheitsdirektors von Wien vom 17. Juni 1935 und endgültig mit Beschluß des Bundesgerichtshofs vom 7. Februar 1936 verboten. Verfolgungsmaßnahmen beschränkten sich in Österreich bis zum „Anschluß“ jedoch im wesentlichen auf die Beschlagnahme von Schriften mit antikirchlichen Parolen. In Salzburg wurde Josef Staufer zu zwei Monaten strengem Arrest verurteilt, weil er Druckschriften verteilte, in welchen die Lehren der „r.k. und prot. Kirche, aber auch der israel. Religionsgemeinschaft verspottet und herabgewürdigt werden“. Die Haftzeiten des Wagenschmiedgehilfen Nikolaus Fraunhofer zeigen, wie ungleich repressiver die Nationalsozialisten mit den Bibelforschern verfuhren: zwölf Stunden Arrest im „Ständestaat“, ein Jahr Gefängnis und anschließende Überstel-lung in das KZ Sachsenhausen in Nazi-Deutschland.

Im Dritten Reich wurde die Wachtturm-Gesellschaft durch die „Notverordnung“ des Reichspräsidenten „zum Schutze von Volk und Staat“ vom 28. Februar 1933 verboten. Bibelforscher wurden als unter „jüdischem Einfluß stehend“ und als „Vorreiter des Bolschewismus“ verfolgt.

Zum blutigen Konflikt mit dem NS-Staat kam es sofort nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Johann Pichler und Josef Wegscheider, wegen Wehrdienstverweigerung zum Tode verurteilt, wurden am 28. September 1939 in Glanegg (bei Salzburg) erschossen.* Solche Todesurteile - allein aus dem Bundesland Salzburg wurden acht Bibelforscher hingerichtet - erfolgten auf Grund der am 17. August 1938 erlassenen Kriegssonderstrafrechtsverordnung.*

Es war jedoch bereits die bloße Zugehörigkeit zur IBV strafbar. Die formale Rechtsgrundlage war der § 3 der Verordnung zur Ergänzung der Strafvorschriften zum Schutz der Wehrkraft des Deutschen Volkes vom 25. November 1939. Laut dieser Verordnung galt die IBV als wehrfeindliche Verbindung.* Christa Mitterrutzner erwähnt ein Schreiben des Reichsministers der Justiz vom 20. März 1940 an die Generalstaatsanwälte in Wien, Graz, Linz und Innsbruck, in welchem aufgefordert wird, „auf Strafen hinzuwirken, die der Staatsgefährlichkeit der Internationalen Bibelforschervereinigung Rechnung tragen“. In diesem Schreiben wird empfohlen, den Vorwurf der „jüdischen“ und „marxistischen“ Beeinflussung hervorzuheben. Der

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erwähnte § 3 war jedoch auch in Salzburg effizient genug, und die Gerichte konnten sich (wie auch im Reichsgau Niederdonau) jegliche weitere Argumentation sparen, hatte sich der/die Angeklagte erst einmal als Zeuge Jehovas bekannt.

Die Ermordung von Johann Trausner aus St. Johann im Pongau zeigt, daß ein geringer Anlaß ausreichen konnte, um in die Todesmaschinerie des Nationalsozialismus hineingezogen zu werden. Er wurde laut Angaben seiner Frau Rosalia Trausner wegen Verweigerung des „Hitlergrußes“ verhaftet. Ohne Gerichtsverfahren - wie zahlreiche andere Salzburger Bibelforscher - kam er in das KZ Oranienburg und wurde von der SS gehängt.

Die Hinrichtung der Brüder Johann und Matthias Nobis hat kaum Spurenhinterlassen. In ihrer Heimatgemeinde St.Georgen bei Oberndorf ist es nicht allgemein bekannt, daß beide wegen Kriegsdienstverweigerung in Berlin hingerichtet wurden. Im Gegensatz zum wahrscheinlich bekanntesten österreichischen Nazi-Opfer, dem Kriegs-dienstverweigerer Franz Jägerstätter aus dem nur wenige Kilometer entfernten St. Radegund, werden die Brüder Nobis auch heute noch „totgeschwiegen“.

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noch nicht bearbeitet.  - 14.04.2019/ST

 

Opferfürsorgegesetzes vom 4. 7. 1947, BGBl. Nr. 183, mit der Begründung angesucht, daß Sie als Bibelforscherin wegen Verweigerung des „Deutschen Grußes“, Nichterscheinens bei der Wahl [richtig: Volksabstimmung] am 10. 4. 1938 und wegen Kriegsdienstverweigerung in der Zeit vom 31. 10. 1938 [richtig: 1939] bis Mai 1945 in Haft waren, davon über 5 Jahre im KZ-Lager Ravensbrück.

Spruch: Diesem Ansuchen wird hiemit teilweise stattgegeben. Sie werden als Opfer der politischen Verfolgung im Sinne des Gesetzes vom 4. 7. 1947, BGBl. Nr. 183, anerkannt, da die Voraussetzungen des § I Abs. (2) lit. b und Abs. (4) erfüllt sind. Unter einem werden Ihnen der Opferausweis OÖ Nr. 176 und ein Begünstigungsheft übermittelt.

Begründung: Die Verfolgung der Bibelforscher ist nicht als Verfolgung aus Gründen eines aktiven Abwehrwillens der Ziele des Nationalsozialismus im Sinne des § 1, Abs.1 des Opferfürsorgegesetzes, sondern als Verfolgung aus Gründen der Religion bzw. der weltanschaulichen Einstellung zu werten. Bei der gegebenen Sachlage war demnach die Einschreiterin in Verbindung mit der verbüßten langjährigen KZ-Haft gem. § 1, Abs.(2), lit. b, OFG/1947 als Opfer der politischen Verfolgung anzuerkennen und der Opferausweis auszustellen.

 


17. AUS: FRÜHMELDUNG GESTAPO SALZBURG NR.6, 10. NOVEMBER 1939
 

Yad-Vashem-Archiv, Jerusalem
DÖW E 21.100


Festgenommen wurde der Gärtner Alois Harasek, geb. am 14. 10. 1896 [...] Zeuge Jehovas, wohnhaft in Salzburg- Riedenburg, Schwimmschulstr. Nr. 28, wegen Betätigung für die Internationale Bibelforschervereinigung. H. ist Leiter der IBV in Salzburg. Er hat nach dem Verbot der Sekte bis in die letzte Zeit die Idee weitgehend gefördert und ist auch heute noch als der geistige Führer der IBV anzusprechen. Festgenommen wurde die Ehefrau Anna Harasek [...] geb. am 5. 11. 1900 [...] Zeuge Jehovas, wohnhaft in Salzburg-Elsbethen, Glasenbach Nr. 23, wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung. Die H. ist seit dem Jahre 1924, dem Beginn der Tätigkeit der IBV in Salzburg, Zeugin Jehovas. Aus dieser Einstellung heraus lehnt sie den Staat und dessen Einrichtungen ab.

Festgenommen wurde der Mechaniker Karl Mitter, geb. am 4. 1. 1908 [...] Zeuge Jehovas, wohnhaft in Salzburg-Maxglan, Bayernstr. Nr. 18a. M. wurde im Jahre 1933 mit der Lehre der Int. Bibelforschervereinigung bekannt und hat sich seit diesem Zeitpunkt für diese Sekte betätigt. Aus dieser Einstellung lehnt er den Staat mit seinen Einrichtungen ab und verweigert die Wehrdienstpflicht.

Festgenommen wurde der Brauergehilfe Johann Haslauer, geb. am 5. 1. 1890 [...] Zeuge Jehovas, wohnhaft in Salzburg, Getreidegasse Nr. 33, wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung. H. ist seit dem Jahre 1931 Angehöriger der Sekte. Nach dem Verbote fanden des öfteren Zusammenkünfte in seiner Wohnung statt. H. lehnt, da es mit seiner Einstellung unvereinbar ist, den Wehrdienst ab.

Festgenommen wurde die Ehefrau Maria Haslauer [...] geb. am 27. 12. 1889 [...] Zeuge Jehovas, wohnhaft in Salzburg, Getreidegasse Nr. 33, wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung. Die H.ist eine unbelehrbare Anhängerin der IBV und lehnt daher Staat und Partei ab.

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Festgenommen wurde die Heimarbeiterin Antonie Mackinger, geb. am 16.5. 1922 [...] Zeuge Jehovas, wohnhaft in Salzburg, Getreidegasse Nr. 33, wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung. Die M.lehnt den Staat und dessen Einrichtungenab, da sie mit der Lehre der IBV in Widerspruch stehen.

Festgenommen wurde der Kutscher Johann Haslinger, geb. am 9. 8. 1914 [...] Zeuge Jehovas, wohnhaft in Salzburg, Bayerhammerstr. 12a, wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung. H. lehnt den Wehrdienst und die Gesetze des Staates ab mit der Begründung, daß er Gott mehr gehorche als den Menschen.

Alle Vorgenannten wurden auf Grund des Erlasses des Reichssicherheitshauptamtes v. 28. 10. 1939 [...] dem Pol. Gefangenhause in Salzburg eingeliefert. Ihre Einweisung in ein KZ wurde beantragt.

 


18. AUS: ENTLASSUNGSSCHEIN DES KZ RAVENSBRÜCK FÜR ANNA HARASEK AUS GLASENBACH,14. SEPTEMBER 1940
 

OFSalzburg, S-609
DOW 18.144

 

Die Schutzhaftgefangene Anna Harasek [...] geb. am 5. 11. 1900 in Mattighofen, war bis zum 14. 9. 1940 im Frauen-Konz. Lager Ravensbrück verwahrt. Laut Verfügung des Reichssicherheitshauptamtes vom 13.9. 1940, FS. Nr. 179 656, wurde die Schutzhaft probeweise aufgehoben.

Die Anna Harasek hat sich sofort bei der Staatspolizeistelle in Salzburg zu melden.


19. AUS: ENTLASSUNGSSCHEIN DES KZ WEWELSBURG FÜR JOHANN
HASLINGER AUS SALZBURG,24. SEPTEMBER 1941

 

OF Salzburg, S-549
DÖW 18.155


Der IBV-Häftling Haslinger Johann, geb. am 9. 8. 1914 in Straßwalchen, war in der Zeit vom 14. 12. 1939 bis 24. 9. 1941 in einem Konzentrationslager untergebracht.

Die Entlassung erfolgte am 24. 9. 1941

Seine Führung war: genügend

Auflage: Sie haben sich bei der Ortspolizeibehörde Ihres Wohnortes in Salzburg sofort zu melden.

 


20. AUS: FRÜHMELDUNG GESTAPO SALZBURGNR.10, 17. NOVEMBER 1939
 

Yad-Vashem-Archiv, Jerusalem
DÖW E 21.100


Festgenommen wurde die Ehefrau Notburga Tiefgraber [...] geb. am 18. 6. 1885 [...]

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wohnhaft in Salzburg-Parsch, Aignerstr. 10, wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung. Die T. hat es aus ihrer Einstellung heraus abgelehnt,sich in irgendeiner Form für den zivilen Luftschutz zu betätigen.

Festgenommen wurde die Ehefrau Johanna Schober [...] geb. am 17. 12. 1909 [...] wohnhaft in Salzburg-Maxglan,  Bräuhausstr. la, wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung. Die Sch. lehnt den Staat und dessen Einrichtungen ab, da sie sich nur ihrer Glaubenslehre gegenüber verpflichtet fühlt.

Festgenommen wurde die Ehefrau Anna Wegscheider [...] geb. am 24. 9. 1909 [...] wohnh. in Salzburg-Itzling,  Landstr. 15, wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung. Die W. ist eine fanatische Anhängerin dieser Glaubensrichtung, und wurde ihr Gatte im September 1939 wegen Wehrdienstverweigerung erschossen.

Festgenommen wurde die Ehefrau Maria Harasek [...] geb. am 11. 3. 1913 [...] wohnhaft in Salzburg-Riedenburg Schwimmschulstr. 28, wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung. Die H. ist die Gattin des Leiters der Salzburger Zeugen Jehovas und demnach mit dieser Lehre fanatisch verbunden.

Festgenommen wurde der Schuhmachergehilfe Georg Lasl [richtig: Lassl], geb. am 23. 4. 1886 [...] wohnhaft in Salzburg, Vogelweiderstr. 10b, wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung. Sein Tun und Lassen wird von dieser Glaubenslehre bestimmt, und lehnt er daher den Staat und dessen Einrichtungen ab.

Festgenommen wurde der Holzarbeiter Johann Tiefgraber, geb. am 29. 5. 1881 [...] wohnhaft in Salzburg-Parsch, Aignerstr. 10, wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung. T. verweigert gleich allen übrigen jede Betätigung für den Staat, die mit seiner Glaubenslehre im Widerspruch steht.

Alle Vorgenannten wurden auf Grund des Erl. des Reichssicherheitshauptamtes vom 28. 10. 1939 [...] festgenommen und dem Pol. Gefangenhause eingeliefert. Ihre Einweisung in ein KZ wurde beantragt.


21. AUS: POLIZEILICHE BESCHEINIGUNG DER SICHERHEITSWACHE HALLEIN

BETREFFEND TOD VON ANNA WEGSCHEIDER AUS SALZBURG IM KZ RAVENSBRÜCK,

7. NOVEMBER 1945 
 

OFSalzburg, S-555
DÖW 18.792


Auf Grund der vorhandenen Unterlagen wird bescheinigt, daß Frau Anna Wegscheider am 8. 6. 1942, 23.00 Uhr, an Colitis ulcerosa im Konzentrationslager Ravensburg [richtig: Ravensbrück] verstorben ist.


22. AUS: FRÜHMELDUNG GESTAPO SALZBURG NR.14, 27. NOVEMBER 1939

Yad-Vashem-Archiv, Jerusalem

DOW E 21.100


Festgenommen wurde die Ehefrau Theresia Mittendorfer [...] geb. am 24. 3. 1903 [...] wohnhaft in Salzburg-Itzling [...] wegen Betätigung für die Int. Bibelforschervereinigung

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noch nicht bearbeitet.  - 09.04.2019/ST

 

51. AUS: SCHREIBEN VON FRANZ AIGNER AUS WIEN AN ANDREAS MAISLINGER (INNSBRUCK) BETREFFEND HINGERICHTETE BZW. IN DER HAFT VERSTORBENE IBV-ANHÄNGER, 22. DEZEMBER 1986

 

Privatbesitz Andreas Maislinger, Innsbruck

DÖW E 21.087

Soweit ich herausfinden konnte, sind aus dem Gebiet des Landes Salzburg folgende Personen gewaltsam ums Leben gekommen (durch Hinrichtung oder auf andere Weise).

Ellmauer Johann: Aus Thalgau, hingerichtet am 6. 1. 1940, Berlin.

Herzog Gottfried: Aus Gebiet Straßwalchen, hingerichtet am 6. 1. 1940

Mittendorfer Franz: Aus Salzburg, hingerichtet am 6. 1. 1940, Berlin

Nobis Johann: Geb. St. Georgen/Sbg., hingerichtet 6. 1. 1940, Berlin

Nobis Matthias: Hingerichtet, Berlin, Tag nicht genau bekannt

Reiter Franz: Wohnte in Salzburg, hingerichtet, Berlin, 6. 1. 1940 [...]

Renner Johann jun.: Etwa 23 Jahre alt. Unter Vorwand "Fluchtversuch" in Sachsenhausen erschossen.

Renner Maria: Etwa 25 Jahre alt. Verweigerte Arbeit für Kriegsmaterial. KZ Auschwitz gewaltsam umgekommen.

Wegscheider Anna: Aus Salzburg. Okt. 1939 verhaftet. Verweigerte Arbeit für Kriegsmaterial. KZ Ravensbrück, im Juni 1942 gewaltsam umgekommen.

Wegscheider Josef: Am 26. 9. 1939 in Glanegg b. Salzburg erschossen. In der Stadt Salzburg beerdigt worden. [...]

Pichler Johann: Zusammen mit Wegscheider am 26. 9. 1939 in Salzburg erschossen.

[...]

An den Folgen der Inhaftierung verstarben noch innerhalb der Gefängnisse und Konzentrationslager folgende Personen:

Fritzenwallner Wolfgang: Aus Kleinarl/Pongau. 28 Jahre alt. Im KZ Mauthausen verstorben.

Göls Josef: Im KZ Dachau verstorben, im April 1945

Gruber Johann: Im KZ Mauthausen an Hunger gestorben.

Haslauer Johann: Im KZ verstorben, Näheres nicht mehr zu ermitteln.

Haslauer Maria: War KZ Auschwitz, dann im KZ Ravensbrück umgekommen.

Hlavacek Karl: Aus Stadt Salzburg. Umgekommen. Nach Kriegsende waren wohl sein Tod, nicht aber die näheren Umstände bekannt geworden.

Rafetseder Anton: 33 Jahre alt. 1941 KZ Sachsenhausen umgekommen.

Renner Johann sen.: Verhaftet, unbekannten Ortes umgekommen.

Renner Matthias: KZ Sachsenhausen, nach 5 Monaten umgekommen.

Weninger Michael: Aus Gebiet Straßwalchen. KZ Mauthausen umgekommen.

Unmittelbar nach Kriegsende haben Glieder unserer Glaubensgemeinschaft Listen über die Opfer aus unserer Mitte erstellt, wobei damals noch Angehörige und Überlebende aus den Lagern befragt werden konnten.

Zu der Zeit, als die Gerichtsverhandlung mit den bei den Herren Johann Pichler und Josef Wegscheider in Salzburg stattfand, waren noch 6 weitere Glieder unserer Glaubensgemeinschaft angeklagt worden. Ihre Hinrichtung ist nach Berlin Plötzensee verlegt worden. Die Hinrichtung der Herren Johann Ellmauer, Gottfried Herzog, Franz Mittendorfer, Franz Reiter und Johann Nobis fand am 6. 1. 1940 statt.

Es kann angenommen werden, daß das 6. Opfer damals Herr Matthias Nobis war.

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Zu der Hinrichtung der beiden Herren Johann Pichler und Josef Wegscheider bzw. zu ihrer Beerdigung sei noch bemerkt, daß es unseren Glaubensbrüdern durch die anwesende Gestapo verwehrt worden ist, religiöse Lieder zu singen, nur ein Gebet wurde erlaubt, doch auch dieses wurde unterbrochen, da es dem verantwortlichen Gestapobeamten zu lange erschien. Es wurde auch von der Gestapo verlangt, daß der Name "Jehova" nicht in Verbindung mit der Beerdigung verwendet werden darf. Dessenungeachtet rief einer der anwesenden Glaubensverbundenen während des Hinablassens des Sarges aus: "Bis wir uns im Königreich Jehovas wiedersehen", dabei auf die Überzeugung der Auferstehungshoffnung hinweisend.

2. Siebenten- Tags-Adventisten, Reformbewegung

52. AUS: URTEIL DES FELDKRIEGSGERICHTS DER 2. GEBIRGS-DIVISION (KOBLENZ) GEGEN ALBERT GRATZ AUS MITTERSILL WEGEN UNGEHORSAMS, 23. FEBRUAR 1940


Archiv der Republik, Deutsche Wehrmacht, Gerichtsakten, F 240/30
DÖW E 21.202


Der Angeklagte wird wegen Ungehorsams nach § 92 MStGB zu 4 - vier - Wochen geschärftem Arrest verurteilt.

Der am 6.7. 1914 geborene Angeklagte gehört seit dem 2.12.1938 der 11./Geb.-Jg.-Regt. 137 an. [... ] Er tut als Krankenträger und Sanitätssoldat Dienst. Er ist gerichtlich bisher nicht bestraft und hat disziplinarisch einmal einen strengen Verweis erhalten. Der Angeklagte war von Beruf Lehrer an einer katholischen Volksschule in Österreich. Im Jahre 1935 trat er vom katholischen Glauben zur Religionsgemeinschaft der Sieben-Tage-Adventisten [richtig: Siebenten-Tags-Adventisten] über. Er mußte infolgedessen seinen Beruf als Lehrer aufgeben und entschloß sich nunmehr, Prediger seiner Religionsgemeinschaft zu werden. Er [...] war nach Abschluß seiner Ausbildung vom Sommer 1937 an bis zum 2. Dezember 1938 Prediger seiner Religionsgemeinschaft in Salzburg. Die  Religions-gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten sucht nach den Grundsätzen der Urchristengemeinde zu leben, wie sie im Neuen Testament geschildert worden sind. Sie heiligen infolgedessen statt des Sonntags den Samstag. Nach seinem Einrücken bei der Kompanie wandte sich der Angeklagte, der es mit seinem Glauben offenbar sehr ernst nimmt, an seinen Kompaniechef und bat ihn, am Samstag nur zu leichteren Arbeiten herangezogen zu werden, weil er nach seinem Glauben den Samstag heiligen müsse und deshalb schwerere Arbeiten nicht ausführen
könne. Während der Friedensdienstzeit nahmen die Vorgesetzten auf den Angeklagten weitgehendst Rücksicht. Im Polenfeldzug ergab es sich zufällig, daß die Kompanie des Angeklagten am Samstag jeweils Ruhetag hatte. Nachdem die Kompanie nach dem Westen verlegt worden war, wurde der Angeklagte auf seine Bitten am Samstag zum Revierdienst im Krankenrevier eingeteilt und führte diesen Dienst auch widerspruchslos und gewissenhaft aus. Für den 13. 1. 1940, 14.00 Uhr, hatte der Zeuge Oberarzt Dr. Hartung eine Verladeübung des Batl.-Sanitätsgerätes angesetzt. Der Angeklagte erschien auch auf dem Boden der Revierstube, machte aber keine Miene, die Kisten, die zu verladen waren, anzufassen. Der Oberarzt Dr. Hartung befahl ihm,

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sich an dem Transport der Kisten zu beteiligen. Der Angeklagte führte diesen Befehl nicht aus, sondern blieb stehen und rührte sich nicht. Auch der Hinweis auf die Folgen eines Ungehorsams blieb fruchtlos. [...] Der Angeklagte räumt den Sachverhalt im vollen Umfang ein. Er gibt an, daß er damals aus einem Gewissenszwang heraus so gehandelt habe, weil er die Ausführung dieser Arbeiten am Samstag mit seinem Glauben nicht habe geglaubt vereinigen zu können. Inzwischen sei er nach reiflicher Prüfung zu dem Entschluß gekommen, daß er im Kriege jeden ihm gegebenen Befehl zu jeder Zeit, auch Samstag, bedingungslos ausführen müsse. Er habe diese Ansicht inzwischen auch in einer religiösen Schrift eines Mitglieds seiner Religionsgemeinschaft bestätigt gefunden, die während des Weltkrieges geschrieben worden sei. Er versichere, daß er in Zukunft jeden Befehl bedingungslos und zu jeder Zeit ausführen werde.

53. AUS: BEILAGE ZUM HAUPTVERHANDLUNGSPROTOKOLL DES LG SALZBURG ALS SG GEGEN ANTON BRUGGER AUS SALZBURG UND ANTON NEUREITER AUS ST. JOHANN IM PONGAU WEGEN TEILNAHME AN EINER WEHRFEINDLICHEN VERBINDUNG, 14. MÄRZ.1941

LG Salzburg, KLs 7/41

DÖW E 19.189/3

Der Angeklagte [Brugger] ist seit dem Jahre 1933 Anhänger der 7-Tage-Reformadventisten und kolportierte durch 4 Jahre für diese Bewegung adventistische Zeitschriften. Wegen dieser Tätigkeit wurde er am 10. August 1934 vom Landgericht Klagenfurt zu 3 Wochen strengem Arrest verurteilt.

Zur Sache: Der Angeklagte bekennt sich nicht schuldig. Es sei zwar richtig, daß er die in der Anklage genannten Glaubensgenossen besucht habe, doch seien diese Besuche nur rein freundschaftlicher Natur gewesen und wäre von religiösen Dingen nur sehr wenig gesprochen worden. Den Mitangeklagten Anton Neureiter habe er nur zweimal besucht, und zwar im August 1940 nach seiner Rückkehr aus Italien und das zweite Mal zu Allerheiligen 1940, als er mit seiner Mutter das Grab seines Vaters im Friedhof in Markt Pongau besucht habe. Neureiter liege ihm als ehemaliger Kommunist sehr am Herzen, und hätte er nur nachschauen wollen, wie es ihm ergehe. Beim ersten Besuche wäre von Religion überhaupt kein Wort gesprochen worden, und beim zweiten Besuch hätte er mit Neureiter aus einem evangelischen Liederbuch [...] geistliche Lieder gesungen. Auch habe er den Neureiter nicht aufgefordert, den Zehnten zu geben, sondern habe nur gesagt, daß in der Hl. Schrift stehe, daß man den Zehnten geben soll.

Über Befr. gab der Angeklagte an, daß der Zehnte den zehnten Teil des gesamten Einkommens darstellt, den die Anhänger dieser Bewegung jährlich bezahlen müssen, um ihre Prediger zu erhalten.

Dem Ehepaar Ebner in Eugendorf habe er ebenfalls nur einen Anstandsbesuch abgestattet, da er diesem Ehepaar viel Dank schulde. Ebners hätten ihm während seiner Arbeitslosigkeit jeweils Verpflegung und Unterkunft gegeben, und da er gehört habe, daß Andrä Ebner lungenkrank wäre, wollte er sich erkundigen, wie es ihm ergehe. Er hätte nicht den Vorsatz gehabt, bei diesem Besuch über Religion zu sprechen, und habe Ebner selbst in dieses Thema eingelenkt. Ebner habe nie gerne den Zehnten abgeliefert, und habe er (der Angeklagte) nur erwidert, daß man den Zehnten

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schon geben soll. Von einer Aufforderung, den Zehnten unbedingt abzuliefern, wäre keine Rede, zumal das Ehepaar
Ebner jetzt nicht mehr der Adventisten Reformbewegung angehöre. [...]

Frau Pasterk wäre er ebenfalls Dank schuldig, da sie ihn während der Arbeitslosigkeit immer liebevoll aufgenommen habe. Er habe es daher als Anstandspflicht befunden, sich Frau Pasterk nach seiner Rückkehr aus Italien vorzustellen. Das zweitemal hätte er sie im Juli 1940 vor seiner Einberufung besucht, um ihr mitzuteilen, daß er jetzt auch zum Militär müsse. Bei diesem Besuche hätte er ganz unverhofft Frau Masilko, welche in der Adventisten-Reformbewegung eine hervorragende Rolle spielt, getroffen. Von religiösen Dingen wäre nur ganz wenig oder gar nichts gesprochen worden. Sie hätten sich auch nicht gegenseitig aufgemuntert, ihrer Sekte treu zu bleiben.

Über Befr. gab der Angekl. an, daß er sich grundsätzlich an die Weisungen der Hl. Schrift halte, wonach nach seiner Überzeugung keinem Menschen etwas Böses angetan werden dürfe [...] Er lasse sich auch nicht durch den Krieg in seinem "Ideal" beeinflussen, und müsse er die Waffe oder die Mitarbeit in einer Rüstungsindustrie ablehnen. Er mache nicht Propaganda gegen die jetzige Regierung und habe keinen seiner Glaubensgenossen aufgefordert, der Bewegung treu zu bleiben. Es stünden viele Anhänger beschäftigt.der 7-Tage-Reformadventisten im Felde und wären als Sanitäter beschäftigt.

Auf weiteres Befr. gab der Angekl. an, daß er von Berlin aus in die Schweiz fuhr, um sich dort in einem Sanatorium als Blutspender Geld zu verdienen, da er beabsichtigt habe, nach Brasilien auszuwandern. In der Schweiz habe er ebenfalls bei einem adventistischen Kongreß die Frau Masilko sowie den Hauptfunktionär dieser Sekte, Albert Müller, der ihn in Klagenfurt getauft habe, kennengelernt. Als Ruhetag halten sie als Adventisten den Samstag (Sabbat) wie die Juden, die jetzt als "auserwähltes Volk", weil sie Christus gekreuzigt haben, verstoßen wären. [...] Der Angeschuldigte [Neureiter] war ursprünglich Mitglied einer christlichsozialen Partei, dann der Kommunistischen Gewerkschaft, später der sozialdemokratischen Partei, und im Jahre 1936 wurde er durch den Mitangeklagten Anton Brugger Adventist. [...]

Auf Vorh. seiner früheren Angabe gab der Angekl. an, daß er nicht gewußt hätte, daß die Adventistensekte verboten wäre. Er hätte auch nicht gewußt, daß sich die Adventisten weigerten, eine Waffe zu tragen. Er wäre selbst in den Jahren 1912 bis 1918 eingerückt gewesen und wäre im Weltkrieg Korporal geworden. [...] Daß diese Sekte verboten wäre, habe er erst nachträglich erfahren.

Er habe den Zehnten noch nie abgeführt, habe auch nie einen adventistischen Gottesdienst besucht und wäre mit keinem der Glaubensgeschwister brieflich in Verbindung gestanden. Beim Besuche Bruggers wäre nur ganz wenig über die Wahrheiten der Hl. Schrift gesprochen worden.

Auf Befr. gab der Angekl. an, daß er aus Überzeugung der adventistischen Reformbewegung beigetreten wäre und er es nicht auf sein Gewissen nehmen würde, einen Menschen zu töten.

Zeugin Pasterk gab an, sie habe den Angekl. Brugger beim Kongreß in Klagenfurt kennengelernt. Sie wäre katholisch erzogen worden und durch einen adventistischen Prediger in die "wirkliche Wahrheit" eingeführt worden. Wie sich die Sekte zum Krieg und dem Tragen der Waffen stelle, habe sie noch nie darüber nachgedacht. Sie wüßte

auch nicht, was sie, tun würde, wenn sie in einem Rüstungsbetrieb arbeiten sollte. 

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XI. INDIVIDUELLER WIDERSTAND
Rudolf G. Ardel

Zur Charakteristik eines "Residualbestandes" von Dokumenten

Wenn in diesem Teil der Dokumentation entsprechend den Gliederungskriterien, die schon in früheren Bänden Anwendung gefunden haben, vom "Widerstand von einzelnen", vom "individuellen Widerstand" die Rede ist, dann, müssen Einschränkungen und Bedenken gegen diese Art der Einteilung an den Anfang gestellt werden:

Schon Gerhard Botz hat in seinem Beitrag zum gleichnamigen Teil der Dokumentation über "Widerstand und Verfolgung in Oberösterreich" darauf hingewiesen, daß wir es hier mit einer Art Residualbestand von Dokumenten zu tun haben, der nicht eindeutig irgendeinem politischen Lager oder einem bestimmten soziokulturellen Milieu zugeordnet werden kann. So kommt es, daß in dieser Dokumentation auch in den anderen Kapiteln immer wieder Fälle zu finden sind, in denen das Agieren einzelner Personen - also "individueller Widerstand" - zum Gegenstand nationalsozialistischer Verfolgungsmaßnahmen geworden war, jedoch ein eindeutigerer Kontext zu einem bestimmten politischen oder soziokulturellen Milieu hergestellt werden konnte.

Deutlich wird hier die Problematik einer in mehrfacher Weise unklaren Abgrenzung der Begriffe sichtbar: So müßte wohl - ohne Rücksicht darauf, welchen politischen oder soziokulturellen Kontext eine "Widerstandshandlung" auf-weist - eindeutig zwischen dem Handeln einzelner Personen einerseits und von Gruppen andererseits unterschieden werden. Doch selbst hier sind die Grenzen oft unscharf gezogen und zu ziehen, finden sich doch unter den in diesem Abschnitt publizierten Dokumenten auch Fälle von Verfolgung, die sich etwa auf  Personengruppen beziehen, die gemeinsam ausländische Rundfunksender abgehört hatten. Diese "Gruppen" unterscheiden sich jedoch klar von "organisierten" Gruppen - handelt es sich doch meistens um Bekannte, Nachbarn usf., nicht aber um Personen-gruppen, die ein gewisses Mindestmaß an formalisierter Struktur und strategisch-taktischem Konzept aufweisen.

Bei dieser Unschärfe der Grenzziehung zwischen organisierten Widerstandsgruppen, die der traditionellen inhalt-lichen Bestimmung von "Widerstand" am klarsten entsprechen, Widerstandshandlungen in einem spezifischen anti-nationalsozialistischen Milieu - wie etwa dem katholisch-bäuerlichen - politischen bzw. soziokulturellen und kontextuell unspezifischen Fällen ist allerdings auch die Quellenlage zu berücksichtigen, da sie ja durchwegs die Dimension der Verfolgung widerspiegelt, den Behörden bekannt gewordene Widerstandshandlungen daher oftmals schwer in ihren Interaktionszusammenhängen zu rekonstruieren sind.

Muß man daher für einen umfassenden Überblick über den Bereich des" Widerstandes von einzelnen" auch die anderen Abschnitte der Dokumentation heranziehen, so wird man bei den in diesem Abschnitt zusammengefaßten Dokumenten darüber hinaus mit einer zentralen Problematik der Widerstandsforschung konfrontiert - nämlich mit der Frage der Ab- und Eingrenzung des Begriffes "Widerstand":

Ist doch die Widerstandsforschung zu Recht von der engen Beschränkung auf den organisierten politischen oder weltanschaulichen Widerstand abgegangen und hat sie

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noch nicht bearbeitet.  - 14.04.2019/ST

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Band 2 - Seite 612

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Band 2 - Seite 603

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Band 2 - Seite 612