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Widerstand und Verfolgung in Salzburg

1934 – 1945

Eine Dokumentation - Band 2

Herausgeger: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes-1991

VII. DAS KATHOLISCH-KONSERVATIVE LAGER

Herbert Dachs

Im folgenden Abschnitt sollen Widerstand und Verfolgung christlich-konservativer und bürgerlicher Bevölkerungs-kreise im Bundesland Salzburg beschrieben und dokumentiert werden. Die katholische Kirche und der bäuerliche Widerstand werden aus editorischen Gründen in diesem Band gesondert behandelt, obwohl der Hinweis, daß es im Zusammenhang mit Widerstand und Verfolgung schwer oder gar unmöglich sei, die christlichen, konservativen und legitimistischen Gruppen und Positionen in diesem Bereich zu trennen*, auch für Salzburg volle Gültigkeit hat.

Zu unbedeutend waren in der damaligen Notsituation die Unterschiede und zu vielfältig und stark teilweise die Querverbindungen und letztgültigen Motivationen.

Noch eine zweite Vorbemerkung ist hervorzustreichen: Nachdrücklich müssen wir betonen, daß es sich hier um keine umfassende und lückenlose Darstellung der einschlägigen Widerstands- und Verfolgungsmaßnahmen handeln kann. Da es noch keinerlei umfassende wissenschaftliche Untersuchungen über den katholisch-konservativen Widerstand im Bundesland Salzburg gibt, fehlt uns ein gesicherter quantitativer Gesamtüberblick über Ausmaß und Anzahl der stattgefundenen Aktivitäten*. Wir wissen nicht genau, wie das Verhältnis von Geschehenem und von uns Dokumentierbarem tatsächlich ist. Die folgenden Dokumente und Zeugnisse müssen daher stellvertretend und illustrierend für die Vielfalt des damaligen Widerstands und der Verfolgungs-maßnahmen genommen werden, quasi pars pro toto, wobei wir eben - wie schon gesagt - das „toto“ zwar bezüglich der Qualität kennen, nicht aber hinsichtlich der Quantität.

Ähnlich wie in anderen Bundesländern kam es auch in Salzburg unmittelbar, d. h. bereits Stunden nach dem „Anschluß“, zu einer großen Verhaftungswelle, die sich teils gezielt und planmäßig auf Vertreter des „Ständestaats“ in politischen und administrativen Spitzenpositionen konzentrierte, teils von reiner Willkür und persönlichen Ambitionen bisher „Illegaler“ bestimmt war. „Überall im Land begannen private Racheakte; vor allem Männer der "Systemzeit" waren betroffen. Wahllos inhaftierte man Heimwehrführer, Funktionäre der VF, Gendarmerie- und Kriminalbeamte.*“

Die Verfolgungsmaßnahmen reichten von einfacher Inhaftierung bis knapp über den 10. April 1938 (Tag der Volksabstimmung) hinaus oder Zwangspensionierung bis hin zur Einlieferung in Konzentrationslager.

Während sich die Härte und das Ausmaß der Sanktionen gegen Beamte einigermaßen in Grenzen hielt,* ging man gegen Angehörige der Gendarmerie und Polizei von Anfang an wesentlich direkter und brutaler vor. Illlustriert sei dies anhand folgender Beispiele:

Dr. Rudolf Dworzak, Bezirkshauptmann, wurde am 11. März 1938 verhaftet und war bis Juni 1940 im KZ Dachau inhaftiert.*

Der Regierungskommissär Dr. Franz Gasteiger wurde am 13. März 1938 festgenommen und blieb bis zum 13. März 1939 im KZ Dachau interniert.*

Die Verhaftung des Franz Schneeweiss, dienstzugeteilt bei der Bezirkshauptmannschaft Zell am See, erfolgte schon am 11. März 1938 um 11 Uhr nachts. Erst am 20. April 1942 kam er aus dem KZ Buchenwald zurück.*

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Besonders übel spielte man dem Oberförster von Wagrain, Linus Hochleitner, mit. Er wurde verhaftet, mißhandelt und verhöhnt, von NSDAP-Anhängern durch den Ort getrieben und gezwungen, das zerstörte Dollfußkreuz samt Gedenktafel wegzuschleppen.* Derartige „Siegesfeiern“ gab es in mehreren Salzburger Gemeinden.

Hofrat Viktor Ingomar, Polizeidirektor in Salzburg, war vom 18. März 1938 bis 6. Jänner 1939 im KZ Dachau, später noch einmal einen Monat als Häftling im Gefängnis Stadelheim. Er starb an den Folgen der KZ-Haft am 4. Februar 1944 in München.*

Der Sicherheitsdirektor Ludwig Bechinie wurde am 12. März 1938 verhaftet, durchlief mehrere Konzentrationslager und starb schließlich im Mai 1941 im KZ Buchenwald.*

Die Verhaftung des Gendarmerierevierinspektors Benno Beer erfolgte in der Nacht vom 11. auf 12. März 1938 in Großarl. Am 13. März wurde er von SA-Leuten in Zell am See schwer mißhandelt, nach einem dreiwöchigen Spitalsaufenthalt in das KZ Dachau eingeliefert und schließlich am 13. März 1939 entlassen.*

Der Gendarmeriepostenkommandant von Saalfelden, Matthias Knee, war ebenfalls mehrere Tage verhaftet, später wurde er delogiert und mit zwei Drittel der Bezüge pensioniert.*

Polizeirat Franz Mayer, Vorstand der Staatspolizei in Salzburg, war bis 13. März 1939 im KZ Dachau. Gleichzeitig entließ man ihn aus dem Staatsdienst.*

Nach eineinhalbjähriger Haft in verschiedenen Konzentrationslagern verstarb der Postenkommandant von Badgastein, Stefan Schlager.* Ähnliches ist über den Kriminal-Rayonsinspektor Wilhelm Ackermann zu berichten. Er verstarb am 6. Mai 1940 im KZ Buchenwald.*

Eine nach dem Krieg vom Landesgendarmeriekommando für Salzburg erstellte Liste über Maßregelungen ab dem 12. März 1938 zeigt, wie vielfältig über die genannten Beispiele hinaus die Eingriffe in diesem Bereich der Exekutive waren.*

Nach der ersten Verhaftungs- und Säuberungswelle beriefen sich dann die weiteren Gleichschaltungsbemühungen vor allem auf die Verordnung zur Neuordnung des österreichischen Berufsbeamtentums vom 31. Mai 1938. Die Bandbreite der darauf basierenden Entscheidungen,die übrigens alle mit dem Zusatz versehen waren, daß es dagegen keine Rechtsmittel für die Betroffenen gäbe, reichte von fristloser Entlassung ohne alle Bezüge!* bis zur Versetzung in den Ruhestand mit mehr oder weniger stark gekürzter Pension.* Betroffen von dieser „Neuordnung“ waren insbesondere Landes- und Bundesbeamte, Angehörige von Gendarmerie und Polizei sowie Lehrer.

Scharf „abgerechnet“ wurde von den neuen Machthabern auch mit allenjenen, die sich bei der Niederwerfung des NS-Putsches im Juli 1934 mehr oder weniger deutlich exponiert hatten. Auch dafür seien zur Illustration einige Beispiele hervorgehoben: Zu nennen sind hier die beiden Bundesheeroffiziere Josef Stochmal (Generalmajor) und Franz Rosenkranz (Hauptmann).

Stochmal klagte man wegen Anstiftung zum Verbrechen des Mordes an, weil er angeblich den zur Niederwerfung des Putsches in Lamprechtshausen entsandten Bundesheersoldaten den Befehl gegeben haben soll, „keine Gefangenen zu machen“. Der Prozeß ging zwischen Herbst 1938 und 1942 durch mehrere Instanzen und endete mit einer Zuchthausstrafe von acht Jahren. Stochmal wurde dann der Gestapo

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übergeben und kam in das KZ Auschwitz, wo er kurze Zeit später erschossen wurde.*

Ähnlich erging es Hauptmann Rosenkranz. Angeklagt wegen desselben Delikts wie Stochmal, wurde er zunächst zu sechs Jahren schwerem Kerker verurteilt, dann freigesprochen, aber anschließend auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers in das KZ Sachsenhausen-Oranienburg verschickt, wo man ihn schließlich am 19. April 1945 ohne weiteres Verfahren erschoß.*

Der frühere Kommandant einer Schutzkorpskompanie, Maximilian Wimberger, ebenfalls bei der Bekämpfung des NS-Putsches von 1934 aktiv gewesen, kehrte erst Anfang März 1939 aus dem KZ Dachau zurück.*

Nicht mehr zurück kam Dr. Johann Langer, Oberlandesgerichtsrat, Senatsvorsitzender des Landesgerichtes Salzburg und Leiter der Gerichtsverhandlungen gegen die am Juliputsch beteiligten Nationalsozialisten. Er verstarb schon im Oktober 1938 im KZ Dachau.*

Zu Anklagen kam es auch wegen der Delikte Wehrkraftzersetzung, Heimtücke, Rundfunkvergehen u. ä. Norbert Voglreiter aus Mittersill etwa schrieb Ende 1944 einen Brief nach Salzburg mit „defaitistischen“ Äußerungen und wurde deshalb noch am 20. März 1945 angeklagt.*

Im Zusammenhang mit organisiertem Widerstand können wir für Salzburg in dem von uns behandelten Bereich vor allem drei Gruppen dokumentieren:

Bereits im Jahre 1940 wurde in der Pfarre St. Elisabeth eine Gruppe von 18 Personen (darunter auch die Brüder Glaser) verhaftet.* Diesem um den Jesuitenpater Anton Pinsker gebildeten Kreis sehr junger Leute (überwiegend Lehrlinge und Schüler) wurde vorgeworfen, die illegale Zeitschrift „Hör zu“ hergestellt, verteilt und dafür auch Spenden gesammelt zu haben. Als Haupträdelsführer bezeichnete die Anklage den Postangestellten Johann Graber, dem sie vorwarf, „von Salzburg aus unter dem Namen ‚Heimatfront‘ eine illegale Organisation aufzu -ziehen, deren Ziel die gewaltsame Losreißung der Ostmark vom Reich und die Errichtung eines selbständigen österreichischen Staates mit ständischer Verfassung gewesen ist“.*

Eine weitere Gruppe wurde im Frühjahr 1944 verhaftet (u. a. Dr. Franz Seywald, Dr.Rudolf Hanifle), deren Mit-gliedern man fortgesetztes Abhören ausländischer Rundfunksendungen, Verbreitung einschlägiger Nachrichten, Vorbereitung hochverräterischer Unternehmen und Verbreitung eines revolutionären Flugblattes vorwarf. Die Urteile, die über diese Personen verhängt wurden, reichten von der Todesstrafe (z.B. Dr. Seywald) bis zu mehr-jährigen Haftstrafen (z. B. Maria Hanifle).*

Im Wehrbezirkskommando und Wehrmeldeamt in Salzburg, beide im früheren Hotel „Roter Krebs“ untergebracht, hatte sich ebenfalls unter den dort Tätigen seit 1942 ein - wie es in der Anklageschrift vom März 1945 hieß - „Block zersetzender Kräfte“ gebildet, „die mit dem alsbaldigen Zusammenbruch des Reiches rechneten und deren füh-rende Elemente die gewaltsame Loslösung der Alpen- und Donau-Reichsgaue vom Reich erstrebten. Von den An-gehörigen dieses Kreises wurden planmäßig feindliche Rundfunkmeldungen abgehört, alle für Deutschland ungünstigen Nachrichten mit freudiger Genugtuung erörtert und fortlaufend in zersetzender Form von Büro zu Büro weiterverbreitet, von wo sie dann in weitere Kreise Eingang fanden. Gleichzeitig wurde für die Wiedererrich- tung eines selbständigen Österreich Propaganda getrie- .... 

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dert worden sein. Im übrigen ist es den nationalsozialistischen Organisationen, vor allem der Gestapo und dem Sicherheitsdienst, gelungen, immer wieder Konfidenten einzuschleusen. Was letzten Endes ja nicht schwer war, denn wenn jetzt jemand gekommen ist und über die damaligen Verhältnisse sich negativ geäußert hat oder sonst halt verschiedene Kritiken geübt hat, hat man im allgemeinen angenommen, der war auch von dieser Richtung, und der hat halt dann wieder Meldungen gemacht. [...] Die Gruppe von 1938 waren durchwegs Leute aus den Reihen des ehemaligen „Jung Vaterlandes“ bzw. der „Ostmärkischen Sturmscharen“, „Christlich-Deutscher Turnverein“ usw., oder die Gebrüder Beran waren vom „Sturmkorps“ der „Vaterländischen Front“. 1940 war das eine sehr gemischte Gruppe, nach heutigen Begriffen sowohl christlich-sozial oder [...] konservativ und ebenso sozialistische Gruppen. Das hat damals sozialdemokratisch geheißen.

b) Gruppe Seywald

101. AUS: ANKLAGESCHRIFT DES OBERREICHSANWALTS BEIM VGH GEGEN FRANZ SEYWALD AUS SALZBURG-AIGEN UND ANDERE WEGEN VORBEREITUNG ZUM HOCHVERRAT, 17. JUNI 1944


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1. Den Oberregierungsrat a. D. Dr. Franz Seywald aus Salzburg-Aigen[...] geboren am 9. Mai 1891 [...]

2. dessen Ehefrau Margarethe Seywald [...] geboren am 15. Januar 1904 [...]
3. den Schüler Gottfried Seywald [...] geboren am 7. Juni 1926 [...]
4. den Oberregierungsrat Dr. Rudolf Hanifle aus Salzburg-Parsch [...] geboren am 28. September 1893 [...]
5. dessen Ehefrau Maria Hanifle [...] geboren am 9. August 1900 [...]
6. den leitenden Behördenangestellten Dr. Karl Biak [richtig: Biack] aus Salzburg-Parsch [...] geboren am

12. September 1900 [...]
7. dessen Ehefrau Edeltraud Biack [...] geboren 21. Juni 1910 [...]
8. den Facharzt Dr. Josef Tinzl aus Salzburg [...] geboren am 18. Dezember1886 [...]
9. den Hofrat a. D. Dr. Max Platter aus Salzburg[...] geboren am 6. September 1885

[...]
10. dessen Ehefrau Barbara Platter [...] geboren am 5. Mai 1892 [...]
11. den Ingenieur Albert Schmidinger aus Salzburg-Parsch [...] geboren am 18.5.1891
[...]

12. dessen Ehefrau Rosa Schmidinger [...] geboren am 18. August 1894 [...]
sämtliche Angeschuldigten mit Ausnahme der Ehefrau Seywald, die sich auf freiem Fuß befindet [...] in der Haftan-stalt in Salzburg in Untersuchungshaft [...]
klage ich an, von 1941 bis 1944 in Salzburg, außer der Ehefrau Platter, durch Förderung des habsburgischen Separa-tismus ein hochverräterisches Unternehmen vorbereitet zu haben, indem sie Rundfunkabhörgemeinschaften bildeten und in zahlreichen Fällen die Nachrichten des Schweizer und des Londoner Senders abhörten, erörterten und verbrei-teten, wobei sie insbesondere die Sendungen aus London, die für ein „freies selbständiges Österreich“ Propaganda machten, bevorzugten.

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Franz Seywald verbreitete außerdem um Weihnachten 1941 eine hochverräterische Druckschrift, die auf die Zersetzung der Wehrmacht abzielte.Die Angeschuldigten Franz Seywald, Dr. Hanifle, Dr. Biack und Dr. Tinzl, die sich an diesen Umtrieben maßgeblich beteiligten und wiederholt erklärten, Deutschland werde diesen Krieg verlieren, haben damit zugleich den Siegeswillen des deutschen Volkes zu erschüttern gesucht und die Propaganda der Feinde unterstützt.Die Angeschuldigte Ehefrau Platter hörte mehrfach ausländische Sender absichtlich ab. [...]

1. Der Ehemann Seywald [...] 1919 wurde er bei der Landesregierung in Salzburg eingestellt und im Jahre 1930 zum Bezirkshauptmann in Markt Pongau (früher St. Johann) ernannt. Nach dem Umbruch im Jahre 1938 wurde er auf Grund des §4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 [...] aus dem Staatsdienst entlassen. [...]
Der Ehemann Seywald ist konfessionell stark gebunden. Er schloß sich 1920 der katholischen CV-Studentenverbindung „Austria Wien“ und 1933 der VF an. Er war als Bezirkshauptmann von Markt Pongau unter dem Dollfuß-Schuschnigg-System besonders systemtreu und bekämpfte den Nationalsozialismus und seine Anhänger in fanatischer und gehässiger Weise. Hierfür erhielt er als einer der ersten Bezirkshauptleute im Lande Salzburg das Silberne Ehrenzeichen der Republik Österreich. [...]

3. Der Angeschuldigte Gottfried Seywald wurde im streng katholischen Sinne erzogen und nach dem Besuch der Volksschule im Jahre 1936 im katholischen Institut St. Peter in Salzburg untergebracht, einer ausgesprochen klerikalen Erziehungsstätte, die nach dem Umbruch aufgelöst wurde. Bis zu seiner Festnahme war er alsdann Schüler des Gymnasiums in Salzburg.
Gottfried Seywald trat 1938 der HJ bei und gehörte bis zu seiner Festnahme dem Bann 578 in Salzburg an. Wegen der in dem vorliegenden Verfahren ihm zur Last gelegten Handlungen wurde er durch einstweilige Verfügung des HJ-Gebietsführers Salzburg vom 14. April 1944 aus der HJ ausgeschlossen.
b) Der Angeschuldigte Ehemann Seywald konnte sich auch nach Ausbruch des gegenwärtigen Krieges mit den gegebenen Verhältnissen nicht abfinden, sondern suchte - möglicherweise zum Teil auch aus Verbitterung über seine Entlassung aus dem Staatsdienste – aus seiner staatsfeindlichen Einstellung heraus Verbindung mit Personen und Nachrichtenquellen, die gleichfalls die durch die NSDAP getragene Neuordnung des großdeutschen Raumes ablehnten. Im Laufe des Jahres 1941 ging er dazu über, die deutschsprachigen Sendungen des Londoner Rundfunks abzuhören. [...] Seit Herbst 1943 hörte er auch etwa sieben- oder achtmal die Nachrichten des Schweizer Senders. Bei diesem Abhören in der eigenen Wohnung waren mehrmals seine Ehefrau, sein Sohn Gottfried und die Mitangeschuldigten Eheleute Hanifle zugegen. Franz Seywald teilte dem Mitangeschuldigten Ehemann Hanifle nach dessen Angaben Mitte 1943 auch mit, daß der Schweizer Sender jeden Freitag abends um 19 Uhr eine Wochenübersicht über die Kriegslage bringe.
In dieser Zeit stand der Angeschuldigte Franz Seywald in engerem persönlichem Verkehr mit dem Arzt Dr. Bauer sowie den Mitangeschuldigten Eheleuten Biack und Eheleuten Hanifle. Bei gelegentlichen Besuchen in den Wohnungen dieser Bekannten hörte er bei Dr. Bauer von 1941 bis 1942 etwa 20mal, bei den Eheleuten Biack seit 1942 zeitweise wöchentlich zwei- bis dreimal mittags und außerdem etwa zweimal abends und bei den Eheleuten Hanifle seit Ende 1942 etwa fünfmal den Londoner Sender ab.

[...]

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Mittags traf der Angeschuldigte Franz Seywald bei den Eheleuten Biack häufig auch den Mitangeschuldigten Tinzl an, der dann ebenfalls die Nachrichten des Londoner Senders und mit besonderem Interesse den täglichen Vortrag für die „Errichtung eines freien selbständigen Österreich“ abhörte. [...]
Weihnachten 1943 wurde dem Angeschuldigten Franz Seywald durch die Post eine hochverräterische Druckschrift zugestellt. Diese Druckschrift [...] trug die Überschrift: „Österreichische Unabhängigkeitserklärung“. In ihr wurde die Selbständigkeit Österreichs mit Einschluß der süddeutschen Staaten zum 1. März 1944 proklamiert und außerdem an die Deutsche Reichsregierung und die NSDAP das Ultimatum gestellt, bis zum 1. März 1944 diese Länder zu verlassen. Die Schrift forderte ferner die „neuösterreichischen“ Wehrmachtsangehörigen zu Desertion und die bewaffnete Macht in Österreich zur Besetzung der Parteidienststellen und zur Festnahme der politischen Leiter auf und ersuchte schließlich die Feindmächte Amerika, England und Rußland um Hilfeleistung. Die Ehefrau Seywald und der Angeschuldigte Gottfried Seywald nahmen von dem Inhalt dieser Druckschrift Kenntnis und händigten sie dem Angeschuldigten Ehemann Seywald, an den die Druckschrift gesandt worden war, aus. Dieser zeigte sie nacheinander zwei guten Bekannten. Da letztere ihm rieten, das Flugblatt zu verbrennen oder Anzeige zu erstatten, will Seywald die Schrift verbrannt haben. [...]

4. Der Ehemann Hanifle [...] Von 1931 bis zum Umbruch war er Bezirkshauptmann in Zell am See. Als einer der wenigen Bezirkshauptleute der österreichischen Systemregierung wurde er nach dem Umbruch in den Reichsdienst übernommenund nach einer längeren Tätigkeit bei der Regierung in Breslau als Oberregierungsrat zum Leiter der Preisbildungsstelle beim Reichsstatthalter in Salzburg eingesetzt[...]
Der Angeschuldigte Hanifle ist konfessionell gebunden und war von 1934 bis zum Umbruch Mitglied der VF. Während seiner Amtszeit als Bezirkshauptmannin Zell am See ist er als Gegner des Nationalsozialismus nicht in Erscheinung getreten. Andererseits bemühte er sich aber auch nach dem Umbruch nicht, sich der NSDAP anzuschließen, sondern fiel durch mangelnde Gebefreudigkeit auf. Er trat lediglich dem NSRB und RDB bei.

5. Die Ehefrau Hanifle ist die Schwester der Ehefrau Seywald. [...] Ehrgeizig und konfessionell gebunden, trat sie im Jahre 1934 der VF bei und suchte im gesellschaftlichen Leben der Systemzeit im Lande Salzburg eine führende Rolle zu spielen. Sie lehnte den Nationalsozialismus ab und trat auch nach dem Umbruch in kein engeres Verhältnis zu ihm. [...]
Angeblich durch den Angeschuldigten Franz Seywald auf die deutschsprachigen Nachrichten der Auslandssender aufmerksam gemacht, hörte der Angeschuldigte Hanifle seit Anfang 1943 wöchentlich etwa zweimal bis zu seiner Festnahme den Londoner und den Schweizer Rundfunk ab, nachdem er erst Mitte 1942 in den Besitz eines Rundfunkgeräts gelangt war. Bei diesem Abhören war die Ehefrau Hanifle fast regelmäßig anwesend; sie will aber die Sendungen bis auf ein- oder zweimal monatlich nicht beachtet, sondern Hausarbeiten verrichtet haben. Außerdem waren zumindest einmal die Eheleute Seywald und einmal auch ein Freund ihres Sohnes namens Nake bei dem Empfang zugegen. Die Eheleute Hanifle waren von Mitte 1943 bis zu ihrer Festnahme ferner etwa drei- bis viermal in der Wohnung Seywald und fünf- bis sechsmal in der Wohnung Schmidinger anwesend, als Franz Seywald und Schmidinger die deutschsprachigen Nachrichten des Londoner Senders einschalteten. Der Ehemann Hanifle hörte darüber hinaus in dieser Zeit noch mehrfach allein mit

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Schmidinger in dessen Wohnung den Londoner Sender ab. Im Anschluß an den Empfang bei Schmidinger wurden die Nachrichten unter den Anwesenden erörtert. [...]

Für die politische Atmosphäre in der Familie Hanifle ist schließlich noch folgende Begebenheit kennzeichnend:
Als die Ehefrau Hanifle am 20. März 1944 von der Festnahme ihres Schwagers Franz Seywald Kenntnis erhielt, verbrannte sie noch am gleichen Tage den gesamten Briefwechsel zwischen ihr und ihrem Mann aus der Zeit der dienstlichen Abordnung ihres Mannes nach Breslau. Die Ankunft eines Kraftwagens am Abend des 21. März 1944 vor der Wohnung Hanifle veranlaßte die 15jährige Tochter Frieda Hanifle, die zutreffenderweise in den Wageninsas-sen Polizeibeamte vermutete, zu der Bemerkung:
„So ein Blödsinn, jetzt grad müssen s’ den Onkel Franz (Seywald) verhaften, knapp vor unserem Sieg, wo so schon alles durcheinander geht. Gut, daß wir gestern abend noch alles verbrannt haben.“[...]

6. Der Ehemann Biack studierte nach entsprechender Vorbildung zunächst Theologie  und darauf Rechtswissen-schaften. Nach dreieinhalbjähriger Tätigkeit im Justizdienst fand er im höheren Verwaltungsdienst bei der Polizei-direktion in Salzburg Verwendung. Sein Vorgesetzter war der Mitangeschuldigte Platter. Nach dem Umbruch wurde Biack auf Grund des § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 unter Gewährung eines Ruhegehaltes von 180,- RM aus dem Staatsdienst entlassen. [...]

Biack trat 1926 der katholischen CV-Studentenverbindung „Norika“ und 1934 der VF bei und gehörte diesen Organisationen bis zum Umbruch an. Nach dem Umbruch unterhielt er meist nur mit früheren CV-Mitgliedern und streng konfessionell eingestellten Personen Verkehr. Er verhielt sich gegenüber der NSDAP und ihren Hoheitsträgern grundsätzlich ablehnend, was sich insbesondere auch daraus ergibt, daß er weder der Partei noch ihren Gliederungen und angeschlossenen Verbänden beigetreten ist. [...]
Der Angeschuldigte Biack stellte seit 1941 in Gegenwart seiner Ehefrau das in der Küche befindliche Rundfunkgerät größtenteils abends um 20 Uhr, oft aber auch mittags um 12.30 Uhr zum Empfang der deutschsprachigen Übertragungen auf den Londoner oder Schweizer Sender ein. Während er die Nachrichten des Schweizer Senders nur bis 1942 empfangen haben will, setzte er das Abhören des Londoner Senders bis zu seiner Festnahme fort.[...]
Außer seiner Ehefrau waren seit Ende 1942 abends mehrfach die Angeschuldigten Eheleute Platter und, getrennt von diesen, der Angeschuldigte Tinzl, zweimal auch die Eheleute Seywald zugegen, während mittags häufig die Angeschuldigten Tinzl und Franz Seywald gemeinsam am Empfang teilnahmen. [...]

9. Der Ehemann Platter [...] war bis 1927 bei der Polizeidirektion in Graz und Wien tätig und wurde darauf als stellvertretender Polizeidirektor nach Salzburg versetzt. Nach dem Umbruch wurde er [...] in den Ruhestand versetzt.[...]
Platter gehörte seit 1904 der katholischen CV-Studentenverbindung „Norika“ und seit 1933 der VF, beiden Organi-sationen bis zum Umbruch, an. Vor dem Umbruch bekämpfte er aus Überzeugung die NSDAP und er hielt als ver-läßlicher Anhänger des Systems Dollfuß-Schuschnigg das Ritterkreuz I. Klasse des österreichischen Verdienstordens. Auch nach dem Umbruch versuchte er nicht, Anschluß an die NSDAP zu gewinnen. Er lehnte die Anwendung des Deutschen Grußes ab und meldete sich

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bisher auch nicht zum Kriegseinsatz. Er gehört lediglich der NSV und dem DRK an. [...]
Die Ehefrau Platter ist bisher zwar in politischer Hinsicht aktiv nicht in Erscheinung getreten, verkehrte aber bereits vor dem Umbruch in national eingestellten Familien und verhielt sich auch nach dem Umbruch gegenüber der NSDAP und ihren Hoheitsträgern äußerlich korrekt. Sie gehört dem Deutschen Frauenwerk, der NSV, dem DRK und dem RLB an. [...]
Die Eheleute Platter standen nach dem Umbruch in engem Verkehr mit den Angeschuldigten Eheleuten Biack. Seit Ende 1942 nahmen sie gelegentlich von Besuchen, die sie des Kartenspielens [wegen] gemacht haben sollen, mehrmals bis zu ihrer Festnahme an dem Empfang der deutschsprachigen Sendungen des Londoner Rundfunks in der Wohnung Biack teil.
Außerdem schaltete der Angeschuldigte Platter auch in seiner eigenen Wohnung seit Ende 1942 bis zu seiner Festnahme etwa alle zehn Tage gegen 14 oder 22 Uhr den Londoner Sender ein und hörte die Nachrichten in deutscher Sprache ab. [...]

11. Der Ehemann Schmidinger [...] Schmidinger gehörte von 1933 bis zum Umbruch der VF sowie in den Jahren 1919 und 1934 auch der Heimwehr an. [...] Nach dem Umbruch meldete sich Schmidinger zur Partei. Obwohl er außerdem in der Öffentlichkeit nicht nachteilig in Erscheinung trat und sich auch bei Sammlungen gebefreudig zeigte, betätigte er sich in Salzburg in keiner nationalsozialistischen Organisation. Er ist Mitglied des RDB und RDL. Der zuständige Hoheitsträger in Salzburg ist der Ansicht, daß Schmidinger innerlich noch Gegner des National-sozialismus sei.

16. Die Ehefrau Schmidinger [...] Sie ist konfessionell stark gebunden und trat 1933 auch der VF bei. Obwohl sie sich nach dem Umbruch der NS-Frauenschaft anschloß, beteiligte sie sich in Salzburg in keiner Weise an den politischen Veranstaltungen, sondern war im Gegenteil darüber aufgebracht, daß den Kindern an Sonntagen durch HJ-Dienst angeblich der Kirchenbesuch erschwert würde.
b) Die Eheleute Schmidinger haben seit Anfang oder Mitte 1943 bis zu ihrer Festnahme wiederholt gemeinsam - nach den polizeilichen Angaben des Ehemannes Schmidinger etwa 20 bis 30mal - die deutschsprachigen Nachrichten des Londoner Rundfunks abgehört. Die Ehefrau Schmidinger schaltete darüber hinaus in dieser Zeit auch in Abwesenheit ihres Mannes mehrmals diesen Sender ein. Bei diesem Empfang waren zuweilen die Tochter Rosemarie und seit Herbst 1943 auch die Eheleute Hanifle zugegen. Im Anschluß an die Sendungen wurden die Nachrichten unter den Anwesenden erörtert.

102. AUS: SCHREIBEN DES REICHSSTATTHALTERS IN SALZBURG AN DEN

REICHSMINISTER DES INNERN BETREFFEND EINSTELLUNG DER VERSORGUNGSBEZÜGE FÜR DEN ZUM TODE ERURTEILTEN FRANZ SEYWALD AUS SALZBURG, 7. AUGUST 1944

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Der [...] im Jahre 1938 in den Ruhestand versetzte Oberregierungsrat Dr. Seywald erhielt als Beamter des ehemaligen Landes Salzburg seine Versorgungsbezüge aus Mitteln der Gauselbstverwaltung angewiesen. Der Genannte war bis zu seiner am 21.

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März 1. J. erfolgten Verhaftung beim öffentlichen Notar Dr. Hans Seethaler in Salzburg, Alter Markt 4, beschäftigt. Am 22. Juli 1944 wurde Seywald wegen Gemeinschaftsabhörens ausländischer Sender und Weiterverbreitung von Feindnachrichten vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Seywald hat sich kurz nachher in der Haft erhängt. Mit Rechtskraft des Urteils hat Seywald gemäß § 53 DBG seine Beamteneigenschaft verloren. Die Einstellung der Versorgungsbezüge mit Wirkung vom 22. 7. 1944 habe ich veranlaßt.

 


103. AUS: OF-ANSUCHEN VON ELFRIEDE STEMBERGER (GEB. HANIFLE) AUS SALZBURG AN DAS AMT DER SALZBURGER LANDESREGIERUNG BETREFFEND IHRE VERFOLGUNG, 6. OKTOBER 1952
 

OFSalzburg, S-755
DÖW 18.726


Meine Eltern, Hofrat Dr. Rudolf und Maria Hanifle, wurden am 21. 3. 1944 aus politischen Gründen von den deutschen Machthabern verfolgt und in Haftgesetzt. In diesem Zusammenhang wurde ich als Minderjährige von dem berüchtigten Gestapomann König in das Jugendgefängnis eingewiesen und dort in einem ungeheizten Kellerlokal festgehalten. Auf Betreiben einer Fürsorgerin wurde ich zwar aus der Gestapo-Haft in Salzburg entlassen, aber auf Grund der gegnerischen Einstellung meiner Eltern zum Nationalsozialismus in ein Erziehungsheim nach Wien gebracht. Dort wurde ich zu schweren Arbeiten herangezogen, und konnten wir infolge unserer Arbeit nicht den Luftschutzkeller aufsuchen.
Im Zusammenhang mit dieser unter Ausnützung der politischen Macht der deutschen Machthaber gegen mich gesetzten politischen Verfolgung erlitt ich schwerste gesundheitliche Schädigungen.
Durch die Kellerhaft und durch die ungünstigen Lebensbedingungen im NS Erziehungsheim wurde ich lungenkrank und hatte bereits als junges Mädchen schwere Herzanfälle.


c) Wehrbezirkskommando und Wehrmeldeamt Salzburg


104. AUS: SCHREIBEN DES OBERSTAATSANWALTS BEIM SG SALZBURG AN DEN OBERREICHSANWALT BEIM VGH BETREFFEND STRAFSACHE GEGEN HANS NAKE AUS SALZBURG WEGEN WEHRKRAFTZERSETZUNG, 6. NOVEMBER1944


AVA, Reichsstatthalter
DOW E 18.036


Betrifft: Strafsache gegen Hans Nake, geb. am 13. 1. 1920 [...] Student [...] wegen Wehrkraftzersetzung. [...]
Nach den Aussagen des Belastungszeugen hat der Beschuldigte Nake in mehreren Gesprächen sich geäußert, daß wir in einem Staate leben, in dem der kleine Mann nichts mehr zu reden habe; daß wir eine Diktatur haben; [...] daß ein hoher Prozent-

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Seite 86 bis 603

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Anmerkungen:

Laut OF-Unterlagen wurden mit Urteil des VGH vom 22. 7. 1944 verurteilt:

Karl Biack zum Tode, festgenommen am 21. 3. 1944, hingerichtet am 7. 11. 1944 im Strafgefängnis München-Stadelheim;

Rudolf Hanifle zu 7 Jahren Zuchthaus, inhaftiert vom 21. 3. 1944 bis 29. 4. 1945;

Max Platter zu 5 Jahren Zuchthaus,inhaftiert vom März 1944 bis Ende Mai 1945;

Maria Hanifle zu 3 Jahren Gefängnis, inhaftiert vom 22. 3. 1944 bis 10. 4. 1945;

Edeltraud Biack zu 2 Jahren Gefängnis, inhaftiert vom 21. 3. 1944 bis 9. 5. 1945;

Josef Tinzl befand sich vom 23. 3. 1944 bis Mai 1945 in Haft;

Barbara Platter wurde freigesprochen und war vom März bis 24. 7. 1944 inhaftiert. 

Gottfried Seywald wurde mit Urteil des VGH vom 17. 10. 1944 freigesprochen (Bundesarchiv Koblenz, R 60 /323 = DÖW E 18.574) und war vom 20. 3. bis 23. 10. 1944 inhaftiert.

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