Die Toten vom Februar

Aus “So starb eine Partei“ von Jura Soyfer:

„Da waren sie [...] in einem kleinen Sekretariat eingenistet.

Was außerhalb lag, war Fremde. Der Bezirk, wo sie geboren

und aufgewachsen waren, der prächtige, laute, wimmelnde

Arbeiterbezirk schwieg erstarrt im Jännerkot, weil Militärautos

durch die Straßen rumpelten. Die Stadt, die das „Rote Wien“

hieß, war eine scheue, fast feindselige, eine fremde Stadt.

Sie fühlten sich vergessen, verlassen und sehr einsam...“


Österreich 1918-1938

Zwischen Revolution, Reform und Bürgerkrieg


Im Herbst 1918 zerfiel die Donaumonarchie. In der neu ausgerufenen Republik Deutsch-Österreich (ab 1919 Republik Österreich) war eine revolutionäre Situation entstanden. Die drei politischen Lager (Sozialdemokratie, Christlichsoziale und Großdeutsche) nahmen den Platz der alten Herrschaft ein. Die ersten Wahlen in der jungen Republik im Februar 1919, an der erstmals Frauen teilnehmen konnten, machten die Sozialdemokratie zur stärksten Fraktion. Gemeinsam mit den Christlichsozialen wurde eine Koalition gebildet, die politische Revolution verlief weitegehend ruhig. Die Sozialdemokratie trat für ein neues Gesellschaftsmodell ein und setzten auf den „Klassenkampf“. Die Christlichsoziale Partei erhielt massive Unterstützung von der katholischen Kirche und warb bei Bauern und Gewerbetreibenden um Stimmen. Der konservativ-klerikale Flügel der Partei malte das Schreckgespenst eines kommunistischen Umsturzes an die Wand.


Die Sozialdemokratie konnte diese Angst des Bürgertums vor einer „bolschewistischen Revolution“ für sich nutzen und eine Reihe namhafter Reformen durchsetzen. Während in Bayern und Ungarn Räteregierungen an die Macht kamen, setzte die österreichische Sozialdemokratie unter Führung Otto Bauers auf „Reform statt Revolution“. Bauer war überzeugt davon, dass die Arbeiterklasse auch mit demokratischen Mitteln die Macht erringen könnte.

Ein Demokratisierungsschub durchzog die Gesellschaft. Sowohl die politischen als auch

die sozialen Lebenschancen der Bevölkerung wurden erweitert. Das Wahlrecht galt nun auch für Frauen, die Sozialgesetzgebung hatte den Acht-Stunden-Tag, das Urlaubsgesetz und die Arbeitslosenversicherung zur Folge. Österreich rückte als Sozialstaat an die Spitze Europas. Doch als der Wirtschaftsaufschwung ausblieb, drängte die Unternehmerschaft auf Sozialabbau und Kapitalinteressen im bürgerlichen Lager setzten sich durch.


Im Juni 1920 kam es zum Bruch der Koalition, innerhalb der Christlichsozialen Partei setzte sich der konfliktbereite, bürgerliche Flügel rund um Ignaz Seipel durch. Die Christlichsozialen bildeten eine Alleinregierung. Im Zentrum der Politik stand das Kapital. Die Wählerschaft war mit Unternehmern und Großgrundbesitzern aus dem bäuerlich-klerikalen Umfeld klar umrissen. Daraus bildeten sich die paramilitärischen „Heimwehren“, mit dem erklärten Ziel, die Demokratie auszuschalten. Währenddessen gewann die nationalsozialistische Bewegung an Anhängern, vorwiegend aus dem Kleinbürgertum.


In der Bundeshauptstadt gelang es den Sozialdemokraten, ihre Reformpolitik weiterzuführen. Sozialeinrichtungen und Wohnbau im „Roten Wien“ wurden beispielgebend für eine fortschrittliche Kommunalpolitik in der ganzen Welt. Der verbalradikalen Vorgangsweise des „Austromarxismus“ gelang es überdies, den leninistischen Flügel der Arbeiterbewegung in die sozialdemokratische Partei zu integrieren, sodass die 1918 gegründete KPÖ zunächst bedeutungslos blieb.


Zur Abwehr des aufkommenden Faschismus gründete die Sozialdemokratie 1923 ihren eigenen militärischen Arm, den „Republikanischen Schutzbund“. Schwere Zusammenstöße führten in den kommenden Jahren zu einer permanenten Bürgerkriegsstimmung, die am 15. Juli 1927 ihren vorläufigen Höhepunkt fand.


Im Jänner 1927 erschießen in dem burgenländischen Ort Schattendorf Heimwehrler einen Schutzbündler und ein achtjähriges Kind. Im Juli 1927 werden die Schattendorfer Mörder freigesprochen, daraufhin marschieren am nächsten Tag zehntausende Arbeiter in die Wiener Innenstadt, der Justizpalast wird erstürmt und in Flammen gesetzt. Die Polizei eröffnet das Feuer in die Menge. 86 Tote und 1100 Verwundete sind das Ergebnis des 15. Juli 1927.

Der Gewaltpegel im latenten Bürgerkrieg ab 1929 stieg an, wobei die Linke die meisten Opfer zu beklagen hatte. Ab 1933 begann die faschistisch geprägte Dollfuß-Regierung die Demokratie schrittweise auszuschalten. Am 15. März 1933 schaltete die christlich-soziale Regierung unter Kanzler Engelbert Dollfuß das Parlament aus.

Daraufhin folgte:

- Verbot des Schutzbundes

- Streikverbot

- Verbot des traditionellen Maiaufmarsches

- Verbot der Kommunistischen Partei

- Wiedereinführung der Todesstrafe

- Verbreitungsverbot der Arbeiter-Zeitung, dem Zentralorgan der Sozialdemokratie

- Tägliche Waffensuchen der Polizei in sozialdemokratischen Parteiheimen


Die ökonomische Krisenbekämpfung wurde im Sinne der Unternehmerschaft weitergeführt und die Sozialleistungen für Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmer abgebaut. Das Kollektivvertragsrecht wurde aufgehoben und die Arbeitslosenunterstützung gekürzt.


Der innenpolitische Konflikt spitzte sich weiter zu als ab 1933 der interne und vom Deutschen Reich unterstützte nationalsozialistische Terror in Österreich zunahm und dieser schließlich im Putschversuch der NSDAP mündete.


Während Teile der Basis der sozialdemokratischen Partei den bewaffneten Kampf gegen das von der Heimwehr verteidigte austrofaschistische Regime forderte, wich die Parteiführung Schritt um Schritt zurück und hoffte auf Verhandlungen.


Gegen das dringende Anraten des Parteivorstandes erklärte die Linzer Schutzbundführung, bei der nächsten Waffensuche Widerstand zu leisten. So begann am 12. Februar 1934 in Linz der bewaffnete Aufstand. Bis zum 15. Februar fanden in Linz, Wien, Bruck an der Mur, Kapfenberg, Graz, Steyr, St. Pölten und anderen Städten schwere Kämpfe statt. Am erbittertsten wurde in den Wiener Arbeiterbezirken Floridsdorf und Ottakring, um den Reumannhof in Margareten und den Karl-Marx-Hof gekämpft. Aber auch in der Provinz, in Zentren der Arbeiterbewegung, kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen. In Steyr forderten die Februarkämpfe 15 Tote und 130 Verletzte.


Österreichweit waren 1200 Tote und 5000 Verwundete zu beklagen. Neun Schutzbündler, darunter der bei den Kämpfen schwerverletzte, in Wien lebende Schuhmachergehilfe Karl Münichreiter und der Steyrer Fabrikarbeiter Josef Ahrer, wurden hingerichtet. In den Todesurteilen ging es dem austrofaschistischen Regime darum, ein Exemple zu statuieren. Über 10.000 Einkerkerungen, die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei, ihrer Organisationen sowie der Gewerkschaften folgten.


Der 12. Februar 1934 hatte das Versagen der Parteiführung aufgezeigt, die jahrelange Kompromisspolitik fand ihren Niederschlag. Dem ausgerufenen Generalstreik leisteten wichtige Teile der Arbeiterschaft - wie die Eisenbahner - nicht Folge.


Der 12. Februar zeigte aber, dass Teile der österreichischen Arbeiterbewegung bereit waren, bewaffneten Widerstand gegen ein faschistisches System zu leisten. Nach der Zerschlagung verlagerte sich der vielfach von Kommunistinnen und Kommunisten geführte Widerstand in den Untergrund.


Mit dem 12. Februar 1934 hatte die christlich-soziale Heimwehr den sozialdemokratischen Schutzbund militärisch zerschlagen. Mit dem Verbot der Sozialdemokratie und ihrer Vorfeldorganisationen ebnete das austrofaschistische Regime den Weg in die Diktatur. Die Widerstandskraft der Arbeiterbewegung konnte aber nicht gänzlich gebrochen werden und zeigte sich in der Beteiligung ehemaliger Schutzbund-Aktivistinnen und Aktivisten gegen die faschistischen Truppen Francos im spanischen Bürgerkrieg. Ebenso konnten ehemalige „Schutzbündler“ in die Sowjetunion emigrieren und engagierten sich dort über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus in der Kommunistischen Partei. Ihre Aktivitäten im Zuge der Befreiung Österreichs von der nationalsozialistischen Herrschaft waren durchaus von Bedeutung.

Hallein:

In Salzburg begannen die eigentlichen Aktionen jedoch erst am 13. Februar mit Streiks der Arbeiter in der Brauerei Kaltenhausen, der Wasserbauarbeiter und der Arbeiter der Zellulosefabrik Hallein.

Die rund 200 beteiligten Schutzbündler wurden dabei von Landtagsvizepräsident Anton Neumayr (SDAP) beschwichtigt. Der Aufstand sei aussichtslos, Gewalt das falsche Mittel. In der Folge wurden Neumayr und die gesamte Halleiner Streikleitung (rund 30 Personen) verhaftet.



Am 14. Februar 1934, wurde dann die Halleiner Gemeindevertretung von Austrofaschisten unter der autoritären Regierung des konservativ-katholischen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß zwangsweise aufgelöst.










(Quelle: Florian Koch, Hallein 2020)

Schluss mit Phrasen, vorwärts zu Taten

Interpreten: Angelika Sacher & Klaus Bergmaier Album: Die Freiheit, Die Wir Meinen...

(Text: Unbekannt / Musik: Nach der Melodie „Partisanen vom Amur")


Schluß mit Phrasen, vorwärts zu Taten,

denn die Fronten wurden jetzt klar.

Durch den Kampf der roten Soldaten,

durch den zwölften Februar.

Durch den Kampf der roten Soldaten,

durch den zwölften Februar.


Im Gebrüll der Dollfuß´ Kanonen

fiel in Trümmer die Demokratie.

Sind zerfetzt die Illusionen

Von der Klassenharmonie.

Sind zerfetzt die Illusionen

Von der Klassenharmonie.


Uns´rer Fahne blutrote Reinheit

weht im Kampfe uns leuchtend voran.

Uns´rer Klasse eherne Einheit

nichts mehr niederringen kann!

Uns´rer Klasse eherne Einheit

nichts mehr niederringen kann!


Darum auf und das Gewehr gefällt,

denn mit Zaudern ist´s jetzt vorbei.

Uns, den Arbeitern, und ihrer Partei

Vorwärts Marsch - denn uns gehört die Welt

Uns, den Arbeitern, und ihrer Partei!


2021 - Hauptbahnhof Salzburg