Im Waldversteck dem NS-Terror entronnen

Aktualisiert: 14. März 2019

Der KZ-Verband Salzburg stattete am, 24. September 2016 dem legendären Partisanenquartier „Igel“ im Toten Gebirge einen Besuch ab.


Hier haben sie also Unterschlupf gefunden – Sepp Plieseis, Karl Gitzoller, Alois Straubinger und all die anderen, die sich im „Igel“ vor den Nazis versteckt hielten. Der Standort hoch über dem Rettenbachtal, das Bad Ischl in Oberösterreich mit dem steirischen Ausseer-land verbindet, ist ziemlich abgelegen. Lange Zeit fanden nur Eingeweihte den Weg zum ehemaligen Partisanenlager. Und lange Zeit erinnerte auch nur eine verwitterte Gedenktafel mitten im Wald an die Geschichte der Widerstandskämpfer.

Seit 2015 ist der Weg leicht zu finden. Bei der Abzweigung vom markierten „Naglsteig“, der seilgesichert durch die Felsabstürze vom Rettenbachtal zur Ischler Hütte führt, weist eine Erklärungstafel den Weg. Direkt beim ehemaligen Standort findet sich eine kleine Skulptur der Salzburger Künstlerin Eva Grubinger. Der stachelige Hocker wurde 2015 im Rahmen der vom Museum Joanneum getragenen Aktion „politische Landschaft“ am Standort des „Igel“ platziert.


Auch sonst sieht der Platz heute deutlich anders aus als 1944/45. Der Unterschlupf stand im dichten Wald, selbst von der gegenüberliegenden Talseite war der Rauch des Feuers nicht zu sehen. Heute kann man vom „Igel“ aus Teile des Tales überblicken, Stürme haben zahlreiche Bäume geknickt und entwurzelt.


Ein Todesopfer

Wer das Glück hat, mit dem Historiker und Leiter der KZ-Gedenkstätte Ebensee, Wolfgang Quatember, hierher zu kommen, der kann auch noch Details der Geschichte des „Igels“ aus berufenem Munde hören.

So erzählt Quatember etwa von jenem Revierjäger, der den Geflüchteten den Platz empfohlen hatte und deren Anwesenheit auch deckte. Wie überhaupt Teile der Bevölkerung die Widerständler aktiv unterstützten. Man versorgte die Männer im Wald mit Nahrung und Informationen.


Kopf der Widerstandskämpfer war Sepp Plieseis. Der 1913 in Ischl Geborene schloss sich 1934 der KPÖ an, 1937 kämpfte er in Spanien gegen die Franco-Faschisten. Dass er nach Spanien gegangen ist, könnte neben seiner politischen Überzeugung auch an einer drohenden Verhaftung wegen Wilderei gelegen sein, berichtet Quatember. Nachdem er in Frankreich von den Nazis verhaftet worden war, gelang es Plieseis schließlich 1943 aus einem Außenlager des KZ Dachau in Hallein zu entkommen.


Gekämpft habe die Gruppe um Plieseis übrigens nie, erzählt Quatember. Auch wenn dies die Bezeichnung „Partisanen“ nahelege. Etwas mehr als ein Dutzend habe sich schlicht und einfach vor den NS-Schergen versteckt und versucht zu überleben. Was übrigens auch erfolgreich gelungen ist.

Die „Igel“-Partisanen, die sich selbst den Decknamen „Willy“ beziehungsweise später „Fred“ gegeben hatten, mussten nur ein Todesopfer beklagen.

Karl Feldhammer besuchte im Jänner 1945 seine Frau im Tal, wurde entdeckt und erschossen.


Partisanen der Berge

Tatsache blieb: Die Gestapo wusste von der Partisanenbewegung, kannte einige der Organisatoren, hatte andere bereits in Haft genommen und setzte alle Mittel ein, um die ganze Gruppe zu zerschlagen. Willige Helfer fand sie in allen Mitgliedern der NSDAP, bis auf wenige Ausnahmen, und in den vielen Zugehörigen zu den Formationen der Nazipartei, mochten sie SA, SS, HJ oder BDM heißen. Wohl gab es hier und da auch unter diesen solche, die mit der Freiheitsbewegung sympathisierten, ja sogar einige, die sich ihr rückhaltlos zur Verfügung stellten. Doch die Mehrzahl war jederzeit bereit, die Partisanen und ihre Freunde zu denunzieren und sie der Gestapo auszuliefern.

Trotz dieser Schwierigkeiten aber wuchs die „Gruppe Fred“. Sie zählte Ende 1944 mehr als fünfhundert aktive Mitglieder und umfasste das Gebiet der Orte Mitterndorf, Bad Aussee, Altaussee, Obertraun, Hallstatt, Goisern, Bad Ischl, Ebensee, Gmunden, Sankt Wolfgang und Strobl. Sie hatte mit den Widerstandsgruppen am Traunsee und im Ennstal Kontakt. Sepp war Tag für Tag unterwegs, um die Kampfbereitschaft zu erhöhen und in Besprechungen Richtlinien für die Weiterarbeit zu entwickeln.


Aus: Sepp Plieseis, Partisan der Berge.

Lebenskampf eines österreichischen Arbeiters. Berlin 1978, S. 232, 233

Info:

LIT Verlag: Christian Topf: „Auf den Spuren der Partisanen: Zeitgeschichtliche Wanderungen im Salzkammergut“.

Lit-Verlag, Münster 2016


Die letzte Ausgabe: Christian Topf, „Auf den Spuren der Partisanen. Zeitgeschichtliche Wanderungen im Salzkammergut“,

Edition Geschichte der Heimat, Grünbach 2006. (Restexemplare im Zeitgeschichte Museum Bookshop: www.memorial-ebensee.at


Doppel CD “Widerstand im Salzkammergut”. Geschichte und Erinnerung. Eine Sammlung von Zeitzeugeninterviews und Kommentaren mit Begleitheft.

Zeitgeschichte Museum Ebensee 2010.

Bookshop: www.memorial-ebensee.at


Routenbeschreibung: Thomas Neuhold, „85 neue Rundtouren“,

Verlag Pustet, Salzburg 2016


„betrifft Widerstand“ Nr. 111, Dezember 2013, Seite 21: Sepp Plieseis – Anmerkungen zum 100. Geburtstag eines „Unfassbaren“ (von Michael Kurz)


Politische Landschaft - Kunst, Widerstand, Salzkammergut

Ein Projekt des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark / Universalmuseum Joanneum

in Kooperation mit Verein Netzwerk Salzkammergut


FÜNFTE KOLONNE - Im Salzkammergut

DER SPIEGEL 17/1956