Salec Beldengrün: Erinnerungen
anlässlich der Gedenkfeier in Surberg, 3. Mai 2009

„Ich komme aus einer jüdischen Familie aus einem Ort in der Nähe von Krakau in Polen. Wir waren vier Kinder. Ich war der Jüngste, dann kam mein Bruder Alec, 1925 geboren, dann Romec, 1923 geboren, und schließlich meine Schwester Hanna, 1920 geboren.

Ich war 14 Jahre, als ich von einem meiner beiden Brüder erfahren habe, dass meine ganze Familie wegtransportiert worden ist. Das war 1943. Wir Brüder hatten damals in einer Kaserne der deutschen Wehrmacht nahe unseres Heimatortes gearbeitet und wurden dadurch vom Transport in die Vernichtung verschont. Von meinem Vater, seinen vier Brüdern, der Schwester, deren ganzen Familien und auch von meiner Mutter habe ich nie wieder etwas gehört. Sie wurden alle ermordet.

Im Mai 1943 sind wir dann selbst in ein Lager transportiert worden. Frühmorgens ist SS gekommen und hat uns mit Lastwägen ins Arbeitslager Plaszov bei Krakau gebracht. Dort hat man Zimmerleute gebraucht zum Barackenbau. Wir waren etwa 50 Leute beim Barackenbau. Der Lagerleiter dort war der berüchtigte SS-Mann Amon Göth. Wir Häftlinge waren seiner Willkür schutzlos ausgeliefert. Aber von der Zeit in diesem Lager will ich hier nicht Reden.

Als die sowjetische Armee 1944 allmählich nach Krakau vorrückte, wurde das Lager  aufgelöst. Es sind aber noch etwa 450 Häftlinge geblieben, um das Lager abzubauen. Da waren auch wir Zimmermänner dabei. Die ganzen Baracken, die wir aufgebaut hatten, wurden jetzt zerlegt und nach Deutschland geschafft.

Am Sonntag, den 14. Januar 1945 ist dann der Lagerkommandant gekommen und hat gesagt: Nehmt mit, was ihr könnt, ihr kommt weg. Wir wussten nicht, wohin es geht. Und so sind wir nach Auschwitz zu Fuß gelangt. Wir mussten gleich ins Bad – und da haben wir geglaubt, so, das ist jetzt das Ende, jetzt werden wir umgebracht. Aber wir sind in Baracken gebracht worden, zwei Nächte sind wir dort geblieben. Dann hat es auf einmal geheißen: „Alle raus aus dem Block und vor das Tor und antreten!“. Es waren acht Reihen, ganz viele Leute.

Wir wurden wieder auf einem Todesmarsch weiter Richtung Westen getrieben. Wer gehen konnte, ist gegangen; aber wer nicht mehr gehen konnte, ist einfach erschossen worden; die sind dann einfach liegen geblieben. Zunächst sind wir für eine Nacht in ein Lager gekommen mit leeren Baracken, aber in jedem Raum gab es einen Ofen.  Das Lager war leer; wo die Menschen waren, wussten wir nicht. Und mein Bruder Alec hat rumgesucht und hat etwas Mehl und ein Paket mit Wollstrümpfen gefunden. Da hat er gleich mit Wasser und Mehl einen Teig angerührt, so ungefähr ein Kilo, und hat es auf dem Ofen gebacken. Das haben wir drei Brüder dann  gegessen, zusammen mit den anderen Kameraden. Das war ein großes Glück für uns alle.

Wieder einen Tag später sind wir dann im Konzentrationslager Gleiwitz angekommen. Dort wurden wir dann auf offene Viehwaggons verladen; das war so eng, dass wir nur stehen konnten. Und das im Januar, bei der Kälte. Da haben wir dann die Socken, die mein Bruder gefunden hatte, an den Händen angezogen; das war natürlich gut bei dieser Kälte. Aber auf den Waggons sind während des Transports viele Leute gestorben. Wenn zwischendurch Halt gemacht wurde, hat dann die SS gerufen: „Tote rausschmeißen, Tote rausschmeißen!“ Dann wurde die Tür aufgemacht und die Toten wurden rausgeworfen. Dann war wieder mehr Platz, so dass wir uns dann hinsetzen konnten, einer hinter dem anderen. Natürlich war das eine Fahrt ohne Essen und Trinken. Wir haben überhaupt nichts zum Essen bekommen. Wir sind mehrere Tage unterwegs gewesen und kamen dann nach Mauthausen. Aber dieses Lager war so überfüllt, dass ein Teil von uns dann weitertransportiert worden ist bis ins Lager Oranienburg, das ist bei Berlin. Insgesamt war ich da etwa 10 Tage in Waggons unterwegs. Ich weiß nicht mehr, wie viele Leute dort im Lager Oranienburg waren, sicher Tausende. Und wir waren so kaputt, dass wir nicht einmal mehr richtig reden konnten, nur noch ganz leise. Da konnte man sogar eine Fliege hören. Wir wurden dann in den Waschraum geschickt, und da hab ich meinen Bruder gesehen, der war ganz schwarz von den 10 Tagen Fahrt, denn der Kohlenruß von der Lok ist alles auf uns heruntergekommen. Dann gab es eine Suppe, aber die war ganz ohne Fleisch oder Fett oder Salz. Aber es war die beste Suppe, die ich je in meinem Leben gegessen habe. Nie mehr hat mir eine Suppe so geschmeckt wie diese Suppe.

In Oranienburg sind wir wieder nur eine kurze Zeit geblieben, ich glaube eine Woche. Dann ging es wieder weiter mit dem Zug nach Flossenbürg. Dort in Flossenbürg war die Ankunft ganz schlimm. Wir kamen in zwei Quarantänebaracken, da gab es so wenig Pritschen, dass wir ganz eng nebeneinander liegen mussten. Und ich bestand nur noch aus Knochen und Haut, und so hatte man schon nach einer Viertelstunde Liegen große Schmerzen; und das Umdrehen tat noch weher.
Meine kurzen Stiefel, die ich noch aus dem Lager Plaszov hatte, wurden mir weggenommen. Dafür bekam ich Holzschuhe. Aber das war eigentlich bloß ein Stück Holz mit einem Lederband. Ich erinnere mich noch an den ersten Appell nach unserer Ankunft. Als ich aus der Baracke raus bin in den Schnee zum Antreten, ist gleich der Riemen gerissen und ich stand barfuß im Schnee. Da bin ich dann mehrere Stunden gestanden. Der Blockälteste, ein deutscher Häftling, hat mir dann erlaubt, dass ich mich auf das Holzgitter vor die Eingangstür stellen durfte, damit ich nicht direkt barfuß im Schnee stehe.
Nach dem Appell vor dem SS-Mann sind wir dann zurück in die Baracke und haben eine Scheibe Brot und einen Kaffee bekommen. Es waren ganz viele Leute in meiner Baracke, ich glaube, das waren bald 2000. Auch wenn man da nur ein leises Wort gesprochen hat, war das ein Höllenlärm. Der Blockälteste hat dann geschrien: „Ruhe!“, aber gleich darauf ging es wieder los. Denn der Mensch kann ja nicht die ganze Zeit nur liegen und nicht reden. Und da mussten wir wieder raus auf den Appellplatz und zur Strafe wieder stundenlang stehen.
In den Quarantänebaracken sind wir so ungefähr zwei Wochen geblieben; dann kamen wir in andere Baracken im richtigen Lager. Aber die Betten waren alle belegt, und so haben wir uns auf den Fußboden gelegt; der war aus Beton. Das Essen hier war eine Scheibe Brot und eine Suppe jeden Tag. Jeden Tag haben wir gefühlt, dass uns die Kräfte langsam immer mehr verlassen.

Einige Wochen sind wir in Flossenbürg geblieben, und dann wurden wir ins Lager Ganacker in der Nähe von Straubing gebracht. Dort war nichts als eine große Halle mit Stockbetten, in jedem Bett haben zwei Mann geschlafen. Ich bin neben meinem Bruder Roman gelegen und mein Buder Alec mit einem anderen Kameraden.
Und bei uns gab es auch noch einen deutschen Häftling, Hans hat der geheißen, und der war für unsere Stube verantwortlich. Das war ein guter Organisator, und weil da Bretter draußen rumstanden, haben wir den Vorschlag gemacht: „Wir sind Zimmermänner, wir können eine anständige Küche hier bauen“. Ja, und das haben wir dann auch gemacht, und zum Dank haben wir dann jeden Tag eine Extrasuppe bekommen; das hat auch der Hans organisiert.

Mein Bruder Alec ist in der Küche geblieben, er hat dort gearbeitet, schwer gearbeitet. Er musste in der Früh um vier aufstehen und kochen, denn wir sind um sechs Uhr zur Arbeit. Und weil beim Spülen des Geschirrs immer etwas am Rand des Kessels hängen bleibt, hat das Alec weggekratzt und gegessen; und dafür hat er auf seinen Teller Suppe verzichtet und hat das uns beiden Brüdern gegeben. Eines Tages hat dann der Hans plötzlich den Alec in der Küche gefragt: „Für wen hebst du da die Suppe auf“? – „Für meinen Bruder“, hat der gesagt. „Gut, den zeigst du mir morgen“, hat darauf der Hans gesagt. 
Mein anderer Bruder Abraham war auch körperlich schlecht beisammen, aber er hatte ein breiteres Gesicht. Ich aber war ja erst 17 Jahre alt und ganz schmal im Gesicht und hatte einen ganz dünnen Hals. Und als ich am nächsten Tag in die Küche zum Suppenfassen ging, hat der Hans verteilt, und als ich dran war, hat er meinen Bruder Alec gefragt, ob ich der Bruder sei. „Ja“, hat der gesagt. Daraufhin hat der Hans mit dem Schöpflöffel ganz tief in den Suppenkessel gelangt und mir dicke Suppe gegeben, so eine richtige Portion. 
Abends, als wir alle in der Baracke waren, sagte der Hans dann zu meinem Bruder Alec: “Du  frisst dich während der Arbeit in der Küche voll und dein Bruder Salec ist ein Muselmann, der nur noch aus Haut und Knochen besteht!“ Darauf hat mein Bruder geantwortet: „Herr Hans, was hätten Sie gesagt, wenn ich in der Küche Brot gestohlen hätte und das meinem Bruder gegeben hätte. Was soll ich machen. Ich kann ihm nur meine Portion Suppe geben, aber nicht die Essensreste in der Küche“. Daraufhin hat dann Hans angeordnet, dass auch ich in der Küche arbeiten konnte. Da konnte ich dann tatsächlich die ganze Zeit dann in der Küche bleiben und hab Kartoffel geschält und Geschirr gewaschen. Ich musste nicht mehr zur Arbeit nach draußen gehen in meinem Zustand. Ich weiß nicht, was mit mir passiert wäre, wenn ich nicht in der Küche untergekommen wäre.

Am 24. April 1945 sind wir dann vom Lager Ganacker wieder auf einen Todesmarsch getrieben worden, jetzt Richtung Süden, Richtung Altötting und dann Richtung Waging, wie ich heute weiß. 11 Tage waren wir unterwegs, bis zum 4. Mai, die ganze Zeit fast ohne Essen. Nur manchmal wurden Kartoffeln gekocht. Wir waren mit elf Mann am Schluss des Marsches, zusammen mit etwa 5 SS-Männern. Wir mussten einen kleinen Wagen ziehen, auf dem die SS ihren Proviant hatte. So haben wir allmählich den Anschluss an die große Gruppe verloren. Warum, weiß ich nicht. Auch übernachtet haben wir zusammen mit diesen SS’lern. Am 3. Mai war ein Schneesturm, es war sehr kalt. Wir sind dann in ein Bauernhaus; die SS-Männer haben im Haus geschlafen, wir Häftlinge im Stall. Im Stall konnten wir gut schlafen, weil es warm war und Stroh gegeben hat. In der Frühe sind wir dann raus auf die Straße. Dort sind dann zwei Wehrmachtssoldaten gekommen und haben den SS’lern erzählt, dass die Amerikaner schon ganz in der Nähe sind. „Haut ab“, haben uns die SS-Männer dann gesagt und sind selbst geflohen. Und das haben wir uns nicht zweimal sagen lassen. Wir sind zurück auf dem Weg, den wir gekommen sind. Ein Wehrmachtsoffizier, dem wir begegnet sind, hat uns dann aber gesagt, dass wir nicht zurückgehen sollen, weil da noch viele SS’ler unterwegs sind. Wir sollten besser auf der Hauptstraße weitergehen. Unterwegs haben wir in Bauernhäusern um Nahrung gebettelt und manchmal auch etwas Speck oder Brot bekommen. Und als wir da gerade an einem Straßenrand saßen, kam plötzlich ein Panzerwagen, den wir überhaupt nicht kannten. Darin saßen zwei Soldaten mit Helmen; auch das waren keine deutschen Helme. Da wussten wir: Das sind Amerikaner. Wir haben dann in einer Scheune übernachten können, und Frauen aus der Umgebung haben uns Kartoffeln gekocht. Am nächsten Tag sind wir dann weiter nach Waging. Dort war eine amerikanische Militäreinheit mit einer Küche. Die Amerikaner haben wohl schon Leute wie uns gesehen gehabt, denn die waren nicht mehr überrascht, sondern haben uns gleich Decken gebracht und Schuhe und Kleidung und Seife, alles, was halt ein Mensch braucht. Und dann bekamen wir auch noch aus einer großen Pfanne Kartoffeln mit Fleisch, was ich aber anfangs gar nicht essen konnte, weil ich Salz und gewürztes Essen überhaupt nicht mehr gewohnt war.

Dann kam ein Deutscher mit Anzug und Krawatte, so gut angezogen, wie ich schon lange keinen Mann mehr gesehen habe. Das war der Bürgermeister. Er hat uns vorläufig eine Scheune gezeigt zum Übernachten und uns bald ein Zimmer versprochen; später sind wir dann bei Familien in Waging untergebracht worden. Wir haben also zunächst noch dort in der Scheune zwei oder drei Nächte geschlafen, unsere KZ-Kleidung verbrannt und uns wieder richtig gewaschen und neu angezogen. Ja, und eines Morgens haben wir dann entdeckt, dass in der Nacht bei uns in der Scheune auch noch zwei Wehrmachtssoldaten übernachtet haben, ein ganz junger und ein etwas älterer. Weil die nichts zum Frühstücken hatten, hat mein Bruder ihnen von unserem amerikanischen Essen etwas gegeben und ihnen gesagt, wer wir sind. Das war zwei Tage nach der Befreiung. Der junge Soldat hat das gar nicht verstanden, aber der ältere hat verstanden und hat plötzlich zum Weinen angefangen und gesagt: „Jetzt, nachdem ich weiß was ihr durchgemacht habt und wir von euch Frühstück bekommen, jetzt glaube ich, dass die Welt noch schön werden wird“. Das waren seine Worte.

Manchmal werde ich gefragt, wie ich heute noch nach Deutschland kommen kann, nach alldem, was geschehen 

ist. Dann sage ich oft: Schauen sie, ich bin eben kein Nazi, ich bin ein Mensch. Ich hasse nicht das deutsche Volk, ich kann nicht Deutsche hassen, die mir überhaupt nichts getan haben. Ich hasse nur die, die das gemacht haben, was damals geschehen ist.
Ich danke euch allen fürs Zuhören. Das, was ihr macht, ist sehr wichtig für alle. Das ist sehr wichtig für uns Juden, und wichtig für Deutschland, für alle Menschen.
Denn auch heute kommen ja noch Tausende und Hunderttausende von Menschen um, durch Kriege oder durch Hunger. Das darf alles nicht sein, nach dem, was schon alles passiert ist. Das muss man verhindern. Dafür soll die Jugend heute sorgen, dass das nie, nie wiederkommt. Danke.“

Salomon (Salec) Beldengrün, geboren am 4. November 1927 in Bochnia bei Krakau, Schwester und Eltern überlebten den Holocaust nicht, er überlebte mit zwei Brüdern die Konzentrationslager Plaschov, Auschwitz, Oranienburg, Flossenbürg, Ganacker; er erlebte das Kriegsende in Waging, wo er bis 1947 blieb; 1948 Übersiedlung mit beiden Brüdern nach Israel, Arbeit in einer Spedition; lebt in Petach Tikwa bei Tel Aviv, ist verwitwet, hat eine Tochter und drei Enkel.

Anmerkung:
Die Veröffentlichung dieser Rede erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Salomon Beldengrün.

Bearbeitung: Dieter Braeg, http://www.kossawa.de/   Bilder: ©Dieter Braeg