Gab es einen spezifisch

österreichischen Widerstand?

Ich fasse die mir gestellte Frage, ob es einen spezifisch österreichischen Widerstand gab, als Frage nach der österreichischen Identität im Widerstand auf. Nicht also wird gefragt, ob es spezifisch österreichische soziale Formen des Widerstandes gab, sondern: ob der Widerstand genauer: ob die einzelnen Widerstandsgruppen ein von Deutschland unabhängiges Österreich anpeilten.

Allgemein gesehen waren die Rahmenbedingungen des österreichischen Widerstandes weder so gelagert wie in Deutschland - als "Aufstand" gegen die eigene Regierung (mit allen moralischen Problemen, die damit Zusammenhängen), noch so wie in den besetzten Ländern, wo der Widerstand klar und eindeutig gegen ein fremdnationales Terrorregime kämpfte. Der österreichische Fall lag gleichsam dazwischen. Um es symbolisch zu akzentuieren: Beim Einmarsch der deutschen Truppen in Prag zeigen Fotografien weinende Menschen; beim Einmarsch der deutschen Truppen in Wien zeigen die Bilder höchstens Menschen, die vor Freude weinten. Unübertroffen hat der österreichische Dichter Ernst Jandl die Stimmung am Wiener Heldenplatz 1938 eingefangen:

der glanze heldenplatz zirka

versaggerte in maschenhaftem männchenmeere

drunter auch frauen die ans maskelknie

zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick

und brüllzten wesentlich.

Die Moskauer Deklaration der Alliierten vom 1. November 1943 stellte fest, daß Österreich das erste freie Land war, das der typischen Aggressionspolitik Hitlers zum Opfer gefallen war. Diese Feststellung ist richtig. Aber sie artikuliert nur eine Teilwahrheit, und die Österreicher begnügten sich lange Zeit, bei dieser bequemen Teilwahrheit stehen zu bleiben.

Demgegenüber ist zu erinnern:

  • daß die politische Idee des Nationalsozialismus im alten Österreich entstanden ist - im nordböhmischen Grenzgebiet;

  • daß Adolf Hitler (genau besehen) das Sozialisationsprodukt der österreichischen Provinz war;

  • daß die frühen Nationalsozialisten z.B. in der Stadt Salzburg 1919 bereits 14 Prozent der Stimmen erreicht hatten;

  • daß in den Bundesländern am Abend des 11. März 1938 österreichische Nationalsozialisten längst die Macht übernommen hatten, bevor Bundespräsident Miklas die NS-Regierung Seyss-Inquart ernannt hatte;

  • daß in Wien weitaus radikalere Methoden der Judenverfolgungen ausprobiert wurden als im Altreich und daß Österreicher überproportional an der Judenvernichtung in Polen beteiligt waren. ln meinem Buch über die NS-Herrschaft in der Provinz ist ein beklemmendes Foto abgedruckt. Am 29.11.1939 marschierte eine unübersehbar lange Viererreihe von SS-Männern aus Westösterreich zum Salzburger Hauptbahnhof - als Einsatztruppe gegen Polen und Juden.

ln einem Satz gesagt: Österreich war Opfer der NS-Aggression und gleichzeitig waren die Österreicher in vielfacher Weise Mit-Täter. Mit dieser Doppelrolle mußte der Widerstand fertig werden und mit dieser Doppelrolle hätte sich die Diskussion nach 1945 beschäftigen müssen. Tatsächlich jedoch setzte ein Prozeß der "Selbstinfantilisierung" ein - Österreich: ein kleines tapferes Land, das von den bösen Deutschen überfallen wurde. Man zog sich auf die Rolle des Opfers zurück und zog daraus politische Vorteile gegenüber den alliierten Besatzungsmächten. Das war umso leichter möglich, als die politischen Eliten der ersten Stunde wirklich zu den Opfern (bzw. zur "inneren Emigration") gehörten und ihren KZ-Ausweis als moralische Legitimation verwenden konnten. Die Kehrseite dieser für Österreich in Hinblick auf den Staatsvertrag durchaus erfolgreichen Politik war jedoch, daß eine Aufarbeitung der österreichischen NS-Vergangenheit ausblieb.

Ich behaupte, daß die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der BRD tiefer griff, ehrlicher und ernsthafter geleistet wurde, insgesamt somit auch erfolgreicher war als in Österreich. War vor 1938 Deutschland das Objekt der Sehnsucht vieler Österreicher, so kippte das Bild 1945 in der Öffentlichkeit lediglich um. Die Deutschen dienten als neue Sündenböcke und ersetzten kurzfristig die Juden. Es war wahrlich keine Heldentat, als man in einer Nacht- und Nebelaktion die deutschen Staatsbürger außer Landes trieb und meinte, das eigene schlechte Gewissen gleich mitzuschicken.

Analysiert man diese Konstellation, so müßte man erwarten, daß der Widerstand als neue identitätsstiftende Erfahrung einen wichtigen Platz in der politischen Kultur des Landes einnahm oder -nimmt. Mitnichten. Der Umgang mit ihm ist von einer peinlichen Verlegenheit geprägt. Eine finanzielle Entschädigung für die KZ-Häftlinge ja, gelegentlich auch Festreden, das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, gewiß - aber das öffentliche Bewußtsein? Ich rede nicht von Polen oder der Tschechoslowakei, nicht von Frankreich oder Italien als Vergleich, ich bleibe hier im Lande, in der Bundesrepublik. Mir scheint, daß zumindest der 20. Juli 1944 eine akzeptierte nationale Tradition begründet hat. In Österreich hingegen fehlt diese. Es ist symptomatisch, daß der für alle politischen Gruppen gemeinsame KZ-Verband im Zuge des Kalten Krieges parteipolitisch zersplittert wurde. Vermutlich liegt hier der wunde Punkt und die Erklärung für die geringe identitätsstiftende Wirkung des Widerstandes. Über den Widerstand in Österreich reden hieß - auch und zentral - über den kommunistischen Widerstand reden. Und dies in einem Land, das von den Sowjets besetzt war und wo die KPÖ lediglich den Lakaien Moskaus spielte. Kurz: der Widerstand als nationales Symbol ging im Antikommunismus unter. Darüber könnte man noch vieles sagen. Ich breche hier ab und setze mit einer anderen Fragestellung fort.

Ich habe den österreichischen Fall als "dazwischen" liegend bezeichnet; deswegen, weil die deutsche Besetzung in der Regel nicht als fremdnational empfunden wurde: ein Signal für die ... 

Zeitgeschichte 9/10 / 12. Jahrgang / Juni/Juli 1985

Aufsätze - Ernst Hanisch - GAB ES EINEN SPEZIFISCH ÖSTERREICHISCHEN WIDERSTAND?

Seite 339-350