Ich möchte, daß sie Euch alle immer nahe bleiben...

Der Widerstandskampf der KPÖ 1933–1945

Biografien kommunistischer WiderstandskämpferInnen in Österreich

Alfred Klahr Gesellschaft - Wien 1997

In der Geschichte der Arbeiterbewegung gab es immer wieder Perioden, in denen sie den Kampf um ihre Rechte und Freiheiten im geheimen, von den Herrschenden verboten, ja vielfach sogar unter extremen Verfolgungen führen musste. Dies gilt im besonderen für die Kommunisten. Es gibt keinen Zeitabschnitt seit ihrer Existenz, in dem nicht irgendwo auf der Erde mit allen Mitteln, von denen des bürgerlich-demokratischen Staates mit seinen subtilen Ausgrenzungsstrategien, bis hin zur äußersten Gewaltanwendung, dem Mord, in der faschistischen Diktatur, gegen sie vorgegangen wurde.

Für die Kommunisten stand nie die Frage, ob ein Verbot ihrer Organisation gleichzeitig auch das Ende ihrer Tätigkeit sei. Die Geschichte der kommunistischen Bewegung zeigt, dass sie, obschon existentiell bedroht, immer versucht hat, auch mit den kleinsten Mitteln für ihre demokratisch-humanistischen Ziele tätig zu werden und sich nie in eine passive Rolle zurückgezogen hat.

Als die „Arbeiter-Zeitung“ zu Beginn des Jahres 1936 an die Sozialisten die Aufforderung adressierte, bis die Geschichte selbst das Zeichen zum Handeln gibt, antworteten die Kommunisten in der illegal erscheinenden „Roten Fahne“: „Nein, mit solch einer Taktik können wir uns nicht einverstanden erklären. Wir wollen nicht ... Beobachter und Registratoren der heranziehenden Wogen am Ufer bleiben und auf gut Wetter warten, sondern durch aktives Eingreifen den Gang der Ereignisse bestimmen. Die scheinbar revolutionäre Auffassung vom baldigen Zusammenbruch des Faschismus, von der Konservierung der Gesinnung, bis die Geschichte selbst ruft, ist praktisch nur eine Erscheinungsform des Reformismus.“

Der Widerstandskampf ist ein nationaler Freiheitskampf

In Fortsetzung ihrer Strategie des Kampfes für ein freies, unabhängiges Österreich, die 1936 am Juli-Plenum des erweiterten Politbüros der KPÖ als „Kampf um die demokratische Republik“ ausformuliert wurde, betonte die Partei die Tatsache der nationalen Unterdrückung Österreichs infolge der Annexion. In der ZK-Resolution „Der Kampf um die Befreiung Österreichs von der Fremdherrschaft“ (sie wurde von der ZK-Tagung Anfang August 1938 verfasst) wird auf die Hintergründe des Überfalls eingegangen. Nicht eine „nationale Befreiung“, wie es die demagogische Propaganda der Nazis behauptete, war der „Anschluss“, sondern eine Eroberung, wobei Österreich nur ein weiterer Schritt „der imperialistischen Raubpläne des deutschen Finanzkapitals“ bedeutete. „Der Kampf des österreichischen Volkes gegen den Hitlerfaschismus trägt daher den Charakter eines nationalen Freiheitskampfes gegen die imperialistische Fremdherrschaft und für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit.“ Diese Aussagen waren nur möglich, weil sich die Partei nach dem 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (1935) mit der Frage der österreichischen Nation beschäftigte und das ZK-Mitglied Dr. Alfred Klahr die erste historisch-materialistische Abhandlung dazu im theoretischen Organ der KPÖ „Weg und Ziel“ im März/April 1937 vorlegte. Als die Hauptaufgaben, die vor dem österreichischen Volk, der österreichischen Arbeiterklasse und der KPÖ stehen würden, nannte die Partei den Kampf gegen die Fremdherrschaft, die wirtschaftliche Ausplünderung, die Kriegspolitik, die Kulturbarbarei und den Antisemitismus.

Die fünf Forderungen lauteten:

  1. Kampf gegen die Fremdherrschaft und für die Selbstbestimmung und Selbstverwaltung des österreichischen Volkes.

  2. Kampf für die demokratischen Rechte des Volkes durch die Wahl von Betriebsvertrauensleuten, von Bauernvertretern, Forderung nach Kontrolle durch das österreichische Volk und nach Selbstbestimmung.

  3.  Kampf gegen die wirtschaftliche Ausplünderung des Landes, gegen die Verschlechterung der Lebenslage, die Zwangswirtschaft und den wirtschaftlichen Raub an Österreich.

  4. Kampf gegen die Kriegspolitik des deutschen Faschismus. Aufklärung der Volksmassen über seine Kriegspläne und Kriegsziele. Keine Konzessionen in der nationalen Frage, Aufklärung, dass der Hitlerfaschismus das österreichische und deutsche Volk nicht einer schöneren Zukunft, sondern einer Kriegskatastrophe entgegenführt.

  5. Kampf gegen die Kulturbarbarei und den Antisemitismus, gegen die Lügenpropaganda in Rundfunk und Presse, gegen die nationalsozialistische Verhetzung, Verrohung und Verdummung. Die breiten Volksmassen sind davon zu überzeugen, dass der Schutz der jüdischen Mitbürger ein unbedingt notwendiger Bestandteil des antifaschistischen Kampfes ist.

Der nazistische Terrorapparat

Bis Ende Dezember 1938 wurden – nach einer Statistik der Gestapo von Anfang 1944 – nahezu 750 Kommunisten „beamtshandelt“. 1939 stieg diese Zahl auf mehr als 1100, sank 1940 auf mehr als 800, um 1941 mehr als 1500 zu erreichen. Diese aus dem Rhythmus des Organisationsaufbaues und der darauf folgenden Aufdeckung resultierende, signifikante Wellenbewegung setzte sich 1942 fort, als die Zahl auf das Niveau von 1940 absank, um 1943 nahezu 1200 zu erreichen. Allein in Wien wurden im Landesgericht I über 1.100 Menschen in dieser Zeit hingerichtet. Die Brutalität dieser Rechtsprechung wird auch daran ersichtlich, dass es im Zeitraum zwischen 1876 bis 1918 dort lediglich 12 Hinrichtungen gegeben hat; und die Nazijuristen – unter ihnen auch Österreicher, die die Robe der Mörder trugen – auch nicht davor zurückschreckten, Jugendliche unter 20 Jahren ermorden zu lassen, wie auch das Beispiel der Jungkommunistin Anny Gräf zeigt, die wenige Tage vor ihrem 19. Geburtstag geköpft wurde. Sie gehörte zu der Gruppe „Soldatenrat“, von der fünf Mitglieder in einem anderen Prozess, vom Nazistaatsanwalt und späteren bundesdeutschen Ankläger Lenhardt angeklagt, in nur vier Stunden zum Tode verurteilt wurden. Kommunistische Widerstandskämpfer wurden aber nicht nur in Österreich hingerichtet, sondern auch, klammert man die Wehrmachtsjustiz aus, in München (Stadelheim) und in Berlin (Plötzensee). Bislang wurden mehr als 2200 österreichische Kommunistinnen und Kommunisten als Opfer des Kampfes gegen den Faschismus, darunter die zwölf Mitglieder des Zentralkomitees: Willi FrankLeo Gabler, Oskar Grossmann, Alfred Klahr, Hermann Köhler, Erwin Puschmann, Anton Reisinger, Franz Schuster, Franz Sebek, Ferdinand Strasser, Sepp (Josef) Teufl und Hedy (Hedwig) Urach erfasst. Ob als Opfer der Februarkämpfe, als Freiwillige in den Reihen der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg, in den deutschen Konzentrationslagern, als Angehörige von Widerstands- und Partisanengruppen im französischen und belgischen Exil, als Partisanen oder Soldaten der Roten Armee, des Österreichischen Freiheitsbataillons in Jugoslawien oder sonst Opfer des menschenverachtenden Faschismus starben sie im Kampf für ein freies, unabhängiges und letztlich sozialistisches

Österreich.

Auszug aus der von Willi Weinert verfassten Einleitung zu - "Ich möchte, daß sie Euch alle immer nahe bleiben...",

Biografien kommunistischer WiderstandskämpferInnen in Österreich.

Mit Anmerkungen zum Widerstandskampf der Kommunistischen Partei Österreichs

(hg. von der Alfred Klahr Gesellschaft). Wien 1997