ZeugInnen Jehovas

Zeugen Jehovas - Jahrbuch 1989

und weiteren Quellen. 

Widerstand und Verfolgung in Salzburg

DÖW - Band 2

Verein Lila Winkel
Vereinigung zur Rehabilitierung und Unterstützung von Opfern der NS-Zeit

Stolpersteine Salzburg

Zeugen Jehovas

Zeugen Jehovas - Jahrbuch 1989

Geschichte von Österreich

ZEUGEN JEHOVAS

Biografien

* Die Verfolgung überlebt haben: 

 

Mittendorfer Theresia

Überlebte das Frauen KZ-Ravensbrück 

Stonig Rudolf

Überlebte das KZ Sachsenhausen, Lager Sylt (Alderney), Neu-Sollstedt und Steyr-Münichholz

** mehrere Quellen:

 
 

Zeugen Jehovas

Die »Bibelforscher« verweigerten den Wehrdienst, den Hitler-Gruß, und die Mitgliedschaft in NS-Zwangskörper-schaften. Die Nazis glaubten, ein Naheverhältnis zum Judentum zu erkennen und nannten die Zeugen »Wegbereiter des jüdischen Bolschewismus«, Hitler kündigte an, er »werde diese Brut aus Deutschland ausrottent« Die absolute Verweigerungshaltung der Zeugen Jehovas brachte tausende ins Konzentrationslager. Roman und Elisabeth Franzmaier aus Strobl sind unter diesen Opfern. Sie haben vier Kinder.
Roman Franzmaier, Haftlingsnummer 31994, stirbt 1940 im Konzentrationslager Mauthausen, der ärztliche Befund auf dem Totenschein vermerkt eine »Herz-Kreislaufschwäches. Seine Frau wird 1939 zuerst ins Frauen KZ-Ravensbrück gebracht, später nach Auschwitz deportiert und kommt dort im Jahr 1942 ums Leben.
Der ebenfalls aus Strobl stammende Leopold Engleitner überlebte die Konzentrationslager Buchenwald, Niederhagen und Ravensbrück.

Quelle: Das Bürglgut : Von der Großbürgerlichkeit zur Restitution
Christian Kloyber, Christian Wasmeier  / StudienVerlag

 

aus: Zeugen Jehovas - Jahrbuch 1989

Geschichte von Österreich

... wurde Bruder Wohlfahrt zu fünf Jahren Haft im Lager Rollwald (Deutschland) verurteilt.

Wegen christlicher Neutralität hingerichtet

    Eines Tages im September 1939 war in Salzburg, das am Fuß der Berge liegt, ein beunruhigendes Gerücht im Umlauf. Es erfüllte sogar diejenigen mit Unbehagen, die große Wohltaten von Hitlers Herrschaft erwarteten. Was flüsterte einer dem anderen hinter vorgehaltener Hand ins Ohr? Auf dem Militärschießplatz in Glanegg, nahe der Stadt, seien zwei Männer erschossen worden.

Was zuerst nur ein Gerücht zu sein schien, war bittere Wahrheit. Die beiden Männer Johann Pichler und Josef Wegscheider, zwei unserer Brüder, waren durch ein militärisches Erschießungskommando hingerichtet worden. Beide hatten den Militärdienst verweigert. Die Hinrichtung verlief aber nicht so, wie es sich die Befehlshaber vorgestellt hatten. Die Brüder erklärten, daß es unnötig sei, ihnen die Augen zu verbinden, doch es wurde trotzdem getan. Als dann der Schußbefehl gegeben wurde, weigerten sich die Soldaten zu schießen. Erst auf die zweite Aufforderung hin und nachdem man den Soldaten eindringlich vor Augen geführt hatte, daß sie selbst mit disziplinarischen Maßnahmen zu rechnen hätten, wenn sie nicht gehorchten, schossen die Soldaten auf die unschuldigen Männer. Doch mit alldem war noch mehr verbunden.

Während der Gerichtsverhandlung, die in Salzburg stattfand, hatten der Richter und seine Beisitzer versucht, die Angeklagten umzustimmen. Er ließ auch die Frauen dieser Männer in den Gerichtssaal rufen in der Erwartung, daß die beiden durch ihr Erscheinen zum Nachgeben veranlaßt würden. Aber es kam anders. Eine der Frauen äußerte Worte der Ermunterung und sagte: "Euer Leben ist in Gottes Hand." Das machte auf den Richter einen so tiefen Eindruck, daß er in großer Erregung mit seinen Fäusten auf den Tisch hämmerte und ausrief: "Diese Menschen sind keine Kriminellen oder Verräter, sondern sie sind Angehörige einer Gruppe von Gläubigen, deren Zahl nicht auf zwei oder drei beschränkt ist, sondern in die Hunderte und sogar Tausende geht." Dessenungeachtet verlangte das Gesetz das Todesurteil.

An dem Tag vor der Hinrichtung wurden die Brüder wieder in ihrer Zelle besucht, und es wurde erneut versucht, sie umzustimmen. Auf die Frage hin, ob sie einen letzten Wunsch hätten, äußerten sie die Bitte, eine Bibel zu bekommen. Sie wurde ihnen vom Richter persönlich gebracht. Er beobachtete sie in der Zelle bis gegen Mitternacht, ging dann weg und bemerkte später: "Diese beiden Männer waren in ihren letzten Stunden mit ihrem Gott vereint. Sie waren wirklich heilige Männer!"

Nachdem die Hinrichtung vollzogen war, wurden die beiden Särge für eine private Beerdigung freigegeben. Ungefähr 300 Personen wohnten dem Begräbnis bei - natürlich unter strengster Polizeiaufsicht. Singen wurde nicht gestattet, und das Gebet wurde schließlich durch die schroffen Worte eines Gestapobeamten unterbrochen, da es ihm zu lang erschien. Die Gestapo hatte es außerdem verboten, den Namen Jehova zu gebrauchen. Das hielt einen Bruder dennoch nicht davon zurück, beim Hinablassen des Sarges auszurufen: "Bis wir uns wiedersehn in Jehovas Königreich!"

Nachdem alles, was mit dieser Hinrichtung in Verbindung stand, in Salzburg bekanntgeworden war, wurde jede künftige Hinrichtung nach Berlin-Plötzensee in Deutschland verlegt.

Worte des Glaubens aus einer Todeszelle

Aus der Haftanstalt Berlin-Plötzensee schrieb der 36 Jahre alte Franz Reiter am 6. Januar 1940 an seine Mutter: "In meinem Glauben bin ich fest überzeugt, daß ich richtig handle. Ich hätte mich hier noch ändern können, aber das wäre Untreue bei Gott. Wir alle hier wollen Gott treu sein, zu seiner Ehre."

Er sagte: "Wir alle hier", denn es gab noch fünf weitere Brüder aus der Nähe seiner Heimat, die wie er dem Tod durch das Fallbeil entgegensahen. In seinem Brief heißt es weiter:

    "Wenn ich den Schwur [militärischen Eid] gemacht hätte in meiner Erkenntnis, so würde ich eine Todsünde begangen haben. Das wäre ein Übel für mich. Es gäbe für mich keine Auferstehung. Ich halte mich aber daran, was Christus sagt: “Wer das Leben sucht, der wird es verlieren, und wer es verliert um meinetwillen, der wird es erhalten.“ Und nun, meine liebe Mutter und alle Geschwister! Ich habe heute mein Urteil erhalten und, erschreckt nicht, es lautet auf Tod und wird morgen früh ausgeführt. Ich habe meine Stärke von Gott erhalten, so wie es auch jedem wahren Christen ergangen ist von jeher. Die Apostel schreiben: “Wer von Gott geboren ist, kann nicht sündigen“, und so auch ich. Das habe ich Euch bezeugt und Ihr habt es erkennen können. Meine Lieben alle, macht Euch kein schweres Herz. Es wäre für Euch alle gut, die Heilige Schrift besser zu kennen. Wenn Ihr alle standhaft seid bis in den Tod, so können wir uns bei der Auferstehung wiedersehen ...

                                                                      Euer Franz

                                                                      Auf Wiedersehen!"

Leiden im Konzentrationslager erdulden

Im Jahre 1939 wurden Alois Moser aus Braunau und Josef Buchner aus Ranshofen zusammen mit 142 anderen Brüdern dem Konzentrationslager Mauthausen in Oberösterreich überstellt. Als sie um Mitternacht in Mauthausen angekommen und aus dem Viehwaggon gestiegen waren, wurde ihnen gleich gesagt: „Mauthausen ist kein Sanatorium wie Dachau; wir werden euch alle kaputtmachen.“ Gemäß Schätzungen waren in der Zeit zwischen August 1938 und Mai 1945 insgesamt etwa 206 000 Personen dort inhaftiert, und der Tod von 35 270 Häftlingen ist erwiesen.

In den ersten drei Jahren hatten alle unsere Brüder ausnahmslos harte Arbeit im Steinbruch zu verrichten. Das Wetter war im Winter extrem kalt. Hunderte Gefangene erfroren im Steinbruch. Wenn die Gefangenen abends in das Lager zurückgingen, mußte jeder von ihnen einen großen Stein über die 186 Stufen der Todesstiege, wie sie genannt wurde, zum Lager hinauftragen. Der Kommandoführer Spatzenegger hatte angeordnet, daß Steine von weniger als 10 Kilogramm viel zu leicht seien. Er ließ den Häftlingen Steine von 40 kg Gewicht und mehr auflegen, so daß viele völlig entkräftet zusammenbrachen. Es kam des öfteren vor, daß diese dann auf der Stelle getötet wurden.

Schließlich erhielten Bruder Moser und Bruder Buchner den Auftrag, Leichen aus verschiedenen Bereichen des Lagers zusammenzusammeln. Sie mußten einen Schlitten ziehen, auf dem die unbekleideten Leichen lagen mit einem Zettel an der großen Zehe, auf dem Name und Häftlingsnummer standen. Durch diesen Auftrag kamen sie auch zu den Baracken, in denen meist die Gefangenen untergebracht waren, die an Diarrhöe litten. Dort trafen sie zu ihrer großen Bestürzung August Kraft an. Die beiden Brüder brachen angesichts des ganzen Elends und des unglücklichen Zustandes, in dem sie sich befanden, in Tränen aus. Bruder Kraft dachte indes an die Segnungen, deren er sich durch Jehovas Hand erfreut hatte, und sagte: "Ich danke Jehova für alles." Am Tag darauf lag auch Bruder Kraft auf dem Schlitten. Er war bis zum Ende einem Ziel nachgejagt, "dem Preis der Berufung nach oben" (Phil. 3: 14).

Die Brüder gaben in den Lagern liebevoll aufeinander acht. Wenn einige besonders geschwächt waren, erhielten sie von anderen zusätzlich ein paar Eßlöffel voll von ihrer kärglichen Mahlzeit, damit sie wieder zu Kräften kamen.

Ein Bericht der Treue

Es könnten aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich noch viel mehr Erfahrungen über die Treue unserer Brüder berichtet werden. Was hier berichtet wurde, waren nur Beispiele für durchgestandene Härten und für die ungebrochene Loyalität, die kundgeworden ist.

Bevor Hitlers Truppen in Österreich einmarschierten, gab es 549 Zeugen Jehovas im Land. Insgesamt waren danach 445 von ihnen unterschiedlich lange in Haft. Zwischen 1938 und 1945 wurden 48 von ihnen, auch einige unserer Schwestern, hingerichtet. Dreizehn wurden entweder erschlagen, vergast oder starben als Folge perverser medizinischer Versuche. Und mindestens 81 weitere starben in Gefängnissen und Konzentrationslagern zufolge von Krankheit oder Erschöpfung.

Es läßt sich nicht vermeiden, Zahlen zu nennen, wenn über die Opfer dieser traurigen Epoche gesprochen wird. Doch wir haben es mit mehr als mit bloßer Statistik zu tun. Sie alle waren unsere christlichen Brüder und Schwestern: Ehemänner und Ehefrauen, Väter und Mütter, Söhne und Töchter. Sie haben zudem über Jahr-tausende von treuen Zeugen Jehovas zusammengetragenen Bericht ihr Zeugnis hinzugefügt, einem Bericht, der zeigt, daß Jehovas Diener aus Liebe zu ihm sogar ihr Leben niederlegen, um ihre Loyalität zu ihm als ihrem Gott und Souverän zu beweisen.

Quelle: Privat - Jahrbuch der Zeugen Jehovas aus dem Jahr 1989